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Sudetendeutsche Landsmannschaft - Ortsgruppe Gaustadt

   Ansprechpartner:

    Obmann            Franz Brix          
                                Zieglerschlag 7, 96049 Bamberg    
                                Tel.: 0951/61478

    Stellvertreter   Ernst Felgenhauer   
                                 Karl-Leicht-Straße 3,   96049 Bamberg   
                                 Tel.: 0951 / 66914

  • Allgemeines
  • Gründung der Ortsgruppe
  • Aufgaben und Ziele
  • Entwicklung der Ortsgruppe
  • Bilddokumente
  • Historisches - Geschichte

1. Allgemeines

Die Sudetendeutschen sind eine Volksgruppe, die seit dem 12. Jahrhundert in den Randgebieten des böhmisch-mährischen Raumes siedelte und das Land urbar machte. 


Siedlungsgebiet der Sudetendeutschen
 
Das überwiegend von Sudetendeutschen besiedelte Gebiet hatte eine Flächen von 27.000 qkm;
es entspricht etwa der Fläche von Belgien. In diesem Gebiet lebten vor dem Zweiten Weltkrieg
3,3 Mio. Sudetendeutsche, weitere 200.000 lebten in anderen Gebieten der Tschechoslowakei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1945 -1946 wurden die 3,5 Millionen Sudetendeutschen, wie viele andere Deutsche, aus ihrer Heimat vertrieben. Insgesamt waren es rund 14 Millionen Deutsche.

Die Sudentendeutschen wurden, wie alle anderen, über das damals völlig zerstörte „Deutsche Reich“ verteilt. Auf Grund der Grenze Bayerns zu Böhmen und Mähren war es verständlich, dass etwa 1,8 Millionen nach Bayern und in die süddeutschen Regionen kamen, rund 800.000 in die Länder der ehemaligen DDR, von denen aber viele nach dem Westen weiterzogen. Der Rest wurde über ganz Deutschland verteilt. Dass es damals gelang, diese völlig mittellosen Menschen, die meist nicht mehr hatten als was sie am Leibe trugen, irgendwie unterzubringen, zu verpflegen und später auch noch einzugliedern, war eines der größten Nachkriegswunder in Bayern und im gesamten Deutschland.

Das gemeinsame Schicksal der Entwurzelung, der Vertreibung dieser Menschen führte schon bald dazu, dass man sich suchte, sammelte und in zunächst regionalen Gruppen zusammenschloss. Auch die Sudetendeutschen, die schon immer ihr „Deutschtum“ gegenüber den Tschechisch-Slawischen bewahren mussten, schlossen sich in mehreren Vereinigungen zusammen (Adalbert-Stifter-Verein, Böhmerwaldbund, Egerländer Gmoi, Ackermann-Gemeinde, Seeliger Bund und andere mehr).

Als Sammel-Vereinigung aller Sudetendeutschen entstand 1948/49 die „Sudetendeutsche Landsmannschaft“. In Gaustadt wurde die Ortsgruppe im Dezember 1951 gegründet.

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft heute, 50 Jahre nach der Vertreibung:

Bundesverband, 16 Landesverbände, 363 Kreisverbände, 2000 Ortsverbände mit insgesamt 250.000 Mitgliedern.

Außerdem bestehen Gruppen in Österreich, Schweden, Argentinien, Kanada, USA u.a. Auch in der Tschechischen Republik bestehen heute wieder einige Gruppen der Rest-Deutschen.

2. Gründung der Ortsgruppe

Zur Gründung der Ortsgruppe Gaustadt der Sudetendeutschen Landsmannschaft kam es im Dezember 1951. Nach mehreren zwanglosen Zusammenkünften von interessierten Landsleuten wurde am 2. Dezember im Gasthaus „Linde“ in Gaustadt die Ortsgruppe offiziell gegründet. An dieser Gründungsversammlung nahmen damals 48 Personen teil.

Die erste gewählte Vorstandschaft war:

1. Vorstand      Johann Wernisch
2. Vorstand      Johann Krebs
Schriftführer    Gerhard Dienel
1. Kassier        Julius Felgenhauer
2. Kassier        Wenzel Kühnel
Beisitzer           Emmi Schöler
                          Karl Hermann
                          Wilhelm Dienel

             90. Geburtstag des ältesten Mitgliedes
                              Herr Helmut Pfrogner
Innerhalb kurzer Zeit stieg die Mitgliederzahl auf über 130 eingeschriebene Mitglieder an. Durch die hier bestehende Baumwollspinnerei und -weberei kamen viele Sudetendeutsche (vor allem aus dem Ost-Sudentenland, wo es derartige Betriebe gab) nach Gaustadt, um hier Arbeit und eine Bleibe zu finden. Ein großer Teil dieser Landsleute trat der Ortsgruppe bei. Auch aus dem damaligen Flüchtlingslager „Spinnerei-Turnhalle“, wo überwiegend Sudetendeutsche untergebracht waren, kamen viele zur Landsmannschaft.

Der bei der Gründung gewählte 1. Obmann Johann Wernisch führte die Ortsgruppe bis 1963. Für die damals nicht immer leichte Arbeit sei ihm und der ganzen Vorstandschaft hier nochmals gedankt. Ebenso dem damaligen, von der Gemeinde Gaustadt ernannten Flüchtlingsobmann Karl Hermann.

3. Aufgaben und Ziele

Die Hauptaufgabe der Ortsgruppe war es, die Landsleute zunächst anzusprechen, zu sammeln und zu organisieren. Für viele, die ja aus den verschiedenen Regionen des Sudetenlandes kamen, bedeutete der Zusammenschluss in der Ortsgruppe sehr viel. Hier konnte man über das Erlebte reden, hatten doch alle das gleiche Schicksal der Vertreibung erfahren. Die Ortsgruppe half in vielfältiger Form, sei es beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen für Behörden, bei der Suche nach einer Bleibe, einer Wohnung oder auch bei der Arbeitssuche.

             Geschenk an den SL-Kreisobmann Otto Pschorn
                  zum 80. Geburtstag "Die Keilbergbaude"
Man kann sich heute überhaupt nicht vorstellen, um wie viel Kleinigkeiten es damals ging. Die Vertriebenen hatten oft nicht mehr als was sie am Leibe trugen.

Eines muss man auch einmal erwähnen: das Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung. Viele halfen, so gut sie konnten, aber es gab auch andere. Die Sudetendeutschen, die von ihrer Mentalität und Art dem Bayrischen, Fränkischen ähnlich sind, hatten es leichter mit dem „Anpassen“. Auch der Umstand, dass eine ganze Reihe von Sudetendeutschen mit ihren guten Fachkenntnissen in der ERBA auch Meisterpositionen innehatten, trug dazu bei.

Nach den Jahren des Suchens, des Einlebens, änderten sich auch die Aufgaben der Ortsgruppe. Die Zusammenkünfte wurden mehr auf gesellschaftlich-kulturelle Basis gestellt. Das Jahrhunderte alte Brauchtum aus den Sudetenländern wurde wieder belebt. In den folgenden Jahren wurde dies ausgebaut und führte zu einer ganzern Reihe von Veranstaltungen. Zum Teil wurden diese gemeinsam mit den Einheimischen, den „echten“ Gaustadtern durchgeführt. Auch mit den Nachbargruppen der Landsmannschaft z.B. Bischberg, Gartenstadt, Strullendorf wurde zusammengearbeitet.

4. Entwicklung der Ortsgruppe

Bei der Neuwahl der Vorstandschaft, die laut Satzung alle zwei Jahre gewählt wird, schied der 1. Vorstand Johann Wernisch aus gesundheitlichen Gründen aus. An seiner Stelle übernahm Karl Hermann 1963 den Vorsitz der Ortsgruppe. Im Jahre 1967 wurde Franz Brix zum Ortsobmann gewählt, zu seinem Stellvertreter Ernst Felgenhauer. Die Mitgliederzahl in diesen und den folgenden Jahren lag bei rund 80 Mitgliedern und konnte auch über längere Zeit gehalten werden.

         80. Geburtstag unseres Obmannes Franz Brix
Das Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung war mittlerweile sehr gut und wir wurden als gleichwertige Bürger anerkannt. Vor allem Franz Brix war es, der durch seine ruhige, schlichte Art manchen Konflikt beilegen konnte. Sein Wort, seine Meinung wurde von allen angenommen. Auch die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung nahm zu und das Jahresprogramm der Ortsgruppe war sehr vielfältig. Regelmäßige Zusammenkünfte mit Information, Wanderungen, Fahrten zum Sudetendeutschen Tag, Sommerfeste, Tag der Heimat, Adventfeier und mehr wurden von der Ortsgruppe durchgeführt. Der Faschingsball der Sudetendeutschen, der bis 1991 stattfand, war einer der beliebtesten Bälle in Gaustadt. Die fränkisch-sudetendeutschen Abende, jeweils im Oktober, die größte Veranstaltung der Ortsgruppe, wurde 20 Jahre lang mit bestem Erfolg abgehalten. Hier wirkten fränkische Gruppen und Humoristen wie auch Sudetendeutsche aus der ganzen Region mit.

Diese großen Veranstaltungen der Sudetendeutschen waren nur möglich, weil die gesamten Vorstandschaften, die in diesen Jahren gewählt wurden, und auch viele Mitglieder mitgeholfen haben. Diese größeren Veranstaltungen mussten 1991/92 aufgegeben werden.

                         Kirchweihfestwagen 1986
                             Wappen aus Dalien
Einer der Hauptgründe war, dass von 1980-1983 die Anzahl der Mitglieder wegen vieler Todesfälle stark zurückging. Dadurch wurde die Ortsgruppe auch finanziell schwächer und konnte manches nicht mehr durchführen. Neue Mitglieder konnten kaum mehr gewonnen werden. Das allgemeine materielle Denken hatte auch viele Sudetendeutsche erfasst. Selbst den Nachgeborenen, den eigenen Kindern konnten die Ziele, die Ideale unserer Gruppe nicht ausreichend vermittelt werden. Sie sind in allen Gaustadter Vereinen tätig, doch selten in der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Die Vorstandschaft musste dies zur Kenntnis nehmen und aus den vorhandenen Möglichkeiten den Jahresablauf der Ortsgruppe gestalten. Außer den internen, auf die Ortsgruppe bezogenen Aktivitäten, beteiligte man sich an Veranstaltungen, die von den Gaustadter Vereinen gemeinsam durchgeführt wurden. Dies geschieht unter der Federführung der Bürgervereins, in dem alle integriert sind, ohne jedoch ihre Selbständigkeit aufzugeben.

                              Kirchweihfestwagen 2000
Hier sind zwei zu nennen, das Bürgerfest und die Kirchweih. Beim ersteren betreiben die Ortsgruppe und der Hof Brahmann einen Verkaufsstand mit verschiedenen fränkischen und böhmischen Spezialitäten. Der Erlös ist für Gaustadter kulturelle und caritative Zwecke bestimmt. Unser Stand erzielt fast immer eines der besten Ergebnisse. Bei der Kirchweih sind es unsere Festwagen beim alljährlichen Festzug. Es wird immer ein aktuelles Thema, meist aber ein Motto aus der „alten Heimat“ dargestellt. Bei diesen beiden Veranstaltungen, die seit mehr als 20 Jahren stattfinden, ist die Ortsgruppe auch heute noch dabei.

Auch wenn unser Häuflein immer kleiner wird (zur Zeit hat die Ortsgruppe nur noch 35 eingeschriebene Mitglieder), werden wir unsere vor mehr als 50 Jahren begonnenen Aufgaben und Ziele fortsetzen, werden wie bisher unser kulturelles Erbe, unser Brauchtum pflegen und erhalten. Die Ortsgruppe konnte durch ihre Tätigkeit in den zurückliegenden Jahrzehnten vielen helfen und manchen ein Stückchen der „Alten Heimat“ bewahren.

Alle sind gute Gaustadter geworden und doch Sudetendeutsche geblieben.

5. Historisches – Geschichte

Die Heimat der Sudetendeutschen sind die rund 28.000 qkm umfassenden Siedlungsgebiete in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien, jenem Teil Schlesiens, der 1763 nach dem 7-jährigen Krieg zwischen Österreich (Maria Theresia) und Preußen (Friedrich der Große) bei Österreich geblieben war.

                    Fränkisch - Sudetendeutscher Abend
                        1988 im Sängerheim in Gaustadt
Die Bezeichnung "Sudetendeutsche" leitet sich von dem rund 330 Kilometer langen Gebirgszug der Sudeten ab, der sich im Norden Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens hinzieht. Der Name "Sudetendeutsche" wurde vereinzelt schon im 19. Jahrhundert benutzt und setzte sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem ab 1919, als Sammelbegriff für die über drei Millionen Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien (= böhmische Länder) durch. Die Sudetendeutschen sind in sich durchaus vielfältig. Sie unterscheiden sich nach Mundart, Herkunft und regionaler Kultur entsprechend den angrenzenden deutschen Regionalbevölkerungen der Altbaiern, Franken, Sachsen und Schlesier. Ihr Schicksal seit 1918 hat sie jedoch zu einer politischen Einheit werden lassen.

Im 12. und 13. Jahrhundert riefen böhmische Herzöge und Könige deutsche Bauern, Bergleute, Handwerker, Kaufleute und Künstler ins Land, die vor allem die Randgebiete Böhmens und Mährens erschlossen und kultivierten. Es entstanden auch mehrere deutsche Sprachinseln mitten im tschechisch besiedelten Raum. Fast alle „Stadtgründungen“ in Böhmen und Mähren sind deutschen Ursprungs und wurden mit Billigung der böhmischen Könige mit „Deutschem Recht“ ausgestattet (Nürnberger Recht, Magdeburger Recht). Die böhmischen Länder waren Bestandteil des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, wenn auch mit einem großen Maß an Eigenständigkeit. Kaiser Karl IV hatte seinen Sitz in Prag, der Hauptstadt Böhmens. Dort gründete er 1348 die erste Universität im Gebiet des deutschen Reiches. Das Land erlebte in der Folgezeit eine beispiellose Blüte, in der Deutsche und Tschechen nebeneinander und miteinander lebten. Soweit es Spannungen gab, hatten diese meist religiöse oder soziale Ursachen, keine nationalen, und konnten friedlich gelöst werden.

Eine erste ernsthafte Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Tschechen waren die Hussitenkriege 1419-1436. Hus, ein tschechischer Reformator, der gegen Mißstände der Kirche predigte, hat auch das nationale, das deutschfeindliche Element der Tschechen geweckt. Nachdem er 1415 auf dem Konzil zu Konstanz, trotz freiem Geleit, als Ketzer verbrannt wurde, kam es zum Aufstand. Unter dem Deckmantel des „Religiösen“ zogen die Hussitenheere verwüstend durch Österreich, Schlesien, Sachsen und Bayern. In Böhmen selbst wurde das Deutschtum teilweise vernichtet. Das gesamte Land verarmte und brauchte fast 200 Jahre, um sich zu erholen. 1526 kamen die böhmischen Länder, also auch unser Siedlungsraum, unter die Herrschaft der Habsburger und damit zu Österreich. Wieder war es zunächst eine religiöse Auseinandersetzung der katholischen Habsburger und der böhmischen Protestanten (Tschechen und Deutsche), die mehr Eigenständigkeit wollten. Nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag 1620 wurde von den Habsburgern die tschechische Sprache teilweise aus der Öffentlichkeit verdrängt. Für die Tschechen ist der „Weiße Berg“ bis heute ein nationales Trauma.

Böhmen und Mähren gehörten mit ganz Österreich bis 1806 zum römisch-deutschen Reich und bis 1866 dem Deutschen Bund an. An der ersten deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche nahmen die Abgeordneten der Sudetendeutschen (Deutschböhmen) teil, wie auch tschechische aus Mähren. Die tschechischen Abgeordneten aus Böhmen nahmen nicht teil, sie waren schon von der Welle des „Nationalismus“ erfaßt, die sich im 19. Jahrhundert ausbreitete. Anfang des 20 Jahrhunderts wurde noch einmal versucht, zwischen den Deutschen und Tschechen auf Grund der fast 800 Jahre alten gemeinsamen Geschichte eine Einigung zu erzielen. Dies gelang aber nur in Mähren, wo in Brünn 1905 durch den Landtag der „Mährische Ausgleich“ verkündet wurde. In Böhmen war dies nicht mehr möglich, da auf tschechischer Seite das ultra-nationale Gedankengut überwog und das Deutschtum allgemein abgelehnt wurde.

Das Nebeneinander von Deutschen, Tschechen und Juden, die überwiegend deutschsprachig waren, das in den böhmisch-mährischen Ländern eine großartige europäische Kulturlandschaft auf kultureller, wissenschaftlicher und künstlerischer Ebene hervorgebracht hatte, war vorbei. Bis Ende des Ersten Weltkrieges 1918 gehörten die Sudetendeutschen noch der Donau-Monarchie an. Nach der Zerschlagung dieses österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates, in dem Menschen der verschiedensten Nationalitäten leben konnten, forderten unter anderem auch die Tschechen einen eigenen Staat, zu dem auch die industriereichen Siedlungsgebiete der Deutschen gehören sollten.

Am 28. Oktober 1918 wurde von den Tschechen die Erste Tschechoslowakische Republik ausgerufen und in den folgenden Wochen das gesamte deutschsprachige Gebiet von tschechischem Militär besetzt. In mehreren Orten kam es zu Kämpfen, allgemein aber vertrauten die Deutschen den Worten des amerikanischen Präsidenten Wilson: „Selbstbestimmungsrecht für alle europäischen Völker“.

Außerdem gab es an einigen Orten blutige Übergriffe gegen sudetendeutsche Zivilisten, so wurden auf dem Marktplatz von Mährisch Trübau am 29.11. fünf Zivilisten erschossen und 20 verwundet. Mehrere Orte wurden mit Beschießung durch Artillerie bedroht, darunter Brüx (29.11.), Mährisch Schönberg (15.12.) und Eger (ca. 15.12.). Eine Waffe zur Brechung des Widerstandswillens der Deutschen war der Hunger. Lebensmittel- und Kohlelieferungen in die Grenzgebiete und nach Wien wurden sofort ab dem 28.10.1918 rigoros gestoppt. Außerdem wurden während der Besetzung viele Zeitungen zensiert und mehrere hundert Deutsche als Geiseln genommen. Angesichts dieses brutalen Vorgehens konnte die Besetzung auch mit Eisenbahnerstreiks (in Nordböhmen ab 26.11. für mehrere Wochen, in Westböhmen am 5.12.) und Massendemonstration in vielen Städten (8.12.) nicht verhindert werden. Am 3./4.12. gab Außenminister Bauer in Wien unter dem Druck der katastrophalen Versorgungslage der Stadt der CSR zu verstehen, dass kein Widerstand mehr geleistet werden würde. Bis Weihnachten waren rund 80% der deutschen Gebiete besetzt, bis zum Jahresende etwa 95%. Dieses Vorgehen verstieß nicht nur gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, sondern vielfach auch gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907.

Ferner gab es von November 1918 bis Januar 1919 und erneut von Mai bis Juli 1919 größere Operationen des tschechischen Militärs gegen Ungarn, um die Zugehörigkeit der Slowakei zur neugegründeten Tschechoslowakei zu sichern. Die slowakische Bevölkerung verhielt sich gegenüber dem neuen Staat sehr zurückhaltend. Vieles spricht dafür, dass das slowakische Volk in einer freien Abstimmung 1918/19 einen tschechoslowakischen Staat nicht gewollt hätte. Dies zeigt nicht zuletzt die Entwicklung der Jahre 1939 und 1992, als jeweils ein eigener slowakischer Staat entstand.

Die wahrscheinlich entscheidende Rolle des militärischen Zwangs bei der Schaffung der Tschechoslowakei ist ein heute vergessenes Kapitel der Geschichte. Auch wissenschaftlich sind diese Vorgänge bisher schlecht dokumentiert, beispielsweise existiert noch keine zusammenfassende Darstellung der militärischen Besetzung des Sudetenlandes um die Jahreswende 1918/19, wohingegen es über das Münchner Abkommen von 1938 sehr viele Darstellungen gibt.

Die Sudetendeutschen wollten den Anschluss ihrer Gebiete an Österreich. Am 4. März 1919 trat in Wien die österreichische Nationalversammlung zusammen, an der die gewählten Abgeordneten der Sudetendeutschen aber nicht teilnehmen durften. Daraufhin riefen alle deutschen Verbände unter Führung der Gewerkschaften und Sozialdemokraten zum Generalstreik auf. Bei dieser friedlichen Demonstration für das Selbstbestimmungsrecht wurden in Karlsbad, Kaaden, Sternberg und anderen Städten durch tschechisches Militär, das in die Menge schoss, 54 Deutsche getötet und Hunderte verletzt. (War dies das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ des amerikanischen Präsidenten Wilson ?)

                              Tag der Heimat
                    2002 in Bamberg / Zentralsaal
In den Friedenskonferenzen von St. Germain und Versailles wurde den Sudetendeutschen der Anschluss an Österreich untersagt. Gegen ihren ausdrücklichen Willen mussten sie im neuen tschechoslowakischen Staat bleiben. Die Signatarstaaten (Frankreich, England und Italien) konnten die tschechischen Politiker Massaryk, Benesch und andere durch Halbwahrheiten und auch offene Lügen für sich gewinnen. Sie sprachen von „zerstreuten deutschen Siedlungen“ versprachen aber, eine zweite Schweiz aus dem neuen Staat zu machen, da auch noch andere Minderheiten vorhanden sind.

So wurde ein Staat geschaffen, in dem die Minderheiten größer waren als die Tschechen selbst. Die Bevölkerung 1920 war: 6,5 Mio. Tschechen, 2,0 Mio. Slowaken, 0,5 Mio. Ruthenen, 0,2 Mio. Polen, 3,2 Mio. Deutsche, 0,8 Mio. Ungarn und 0,3 Mio. Juden (diese waren überwiegend deutschsprachig).

Entgegen dem Versprechen einer zweiten Schweiz wurden die anderen Volksgruppen nicht gleichwertig behandelt. Vor allem das Deutschtum wurde gezielt zurückgedrängt, das Schulwesen beschränkt, Tschechisch als Amtssprache eingeführt, der öffentliche Dienst wie Bahn oder Post mit Tschechen besetzt, Staatsaufträge erhielten nur noch tschechische Firmen, der deutsche Großgrundbesitz wurde weitgehend enteignet und an tschechische Bauern gegeben. Dies alles führte in den rein deutschen Gebieten zu einer vom Staat geförderten Unterwanderung der Bevölkerung und zu immer größeren Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen.

Die Bemühungen aller deutschen Abgeordneten um eine gewisse Autonomie-Selbstverwaltung wurde von der tschechischen Mehrheit im Parlament abgelehnt, obwohl die Deutschen 24 Prozent der Gesamtbevölkerung waren. Vor allem die Sozialdemokraten versuchten diese Lösung bis zuletzt. Die deutschfeindliche Haltung der tschechischen Regierung, vor allem unter Benesch, und der massive Druck durch das deutsche Reich unter Hitler führten in den Jahren 1937-1938 zur sogenannten „Sudetenkrise“. England als Signatarmacht schickte den Sonderbeauftragten Lord Runciman, um in diesem Nationalitätenkonflikt zu vermitteln. Seine Feststellungen führten zu dem Vorschlag, die sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich abzutreten. Daraufhin forderten England und Frankreich die tschechische Regierung auf, diesen Vorschlag anzunehmen, was am 21.9.1938 geschah.

Im „Münchner Abkommen“ vom 29.9.1938 zwischen England, Frankreich und Italien einerseits und dem Deutschen Reich andererseits wurde die Übergabe dieser Gebiete an Deutschland geregelt. International gesehen war dieses Abkommen völkerrechtskonform und rechtswirksam zustande gekommen und die Mehrheit der Sudetendeutschen, denen man 1919 die Selbstbestimmung und später die Autonomie verweigert hatte, glaubte daran. Im Oktober 1938 rückten deutsche Truppen in Etappen in die an Deutschland abgetretenen Gebiete ein.

Als Folge des Abkommens mussten viele nach 1919 angesiedelte Tschechen, vor allem alle Staatsbediensteten, die deutschen Gebiete verlassen. Auch in umgekehrter Richtung mussten die Deutschen den innerböhmischen Raum verlassen. Dies verlief aber ohne Enteignung oder Gewalt, denn es war vertraglich geregelt. Alle konnten ihr Eigentum mitnehmen, verkaufen oder auch vermieten. Eine Vertreibung von Tschechen, wie behauptet, fand nie statt.

Eine weitere Folge dieser Geschehnisse war, dass die Slowaken, die bisher auch sehr stiefmütterlich behandelt wurden, plötzlich die nationale Autonomie erhielten. Aber auch hier war es durch die ultranationale Haltung der Tschechen in den vergangenen Jahren bereits zu spät. Anfang März riefen die Slowaken einen eigenen Staat aus und ungarische Truppen besetzten die Karpaten-Ukraine.

Das Deutsche Reich war mittlerweile zu einer nationalsozialistischen Diktatur unter Hitler geworden, die keine andere Meinung duldete. Am 15. März 1939 besetzten deutsche Truppen die Restgebiete von Böhmen und Mähren, rückten in Prag ein und Hitler erklärte es zum „Reichsprotektorat“. Diese Gewalttat war völkerrechtswidrig und wurde von fast allen Staaten der Welt verurteilt. Die Tschechen erfuhren nun selbst, wie ihr Selbstbestimmungsrecht mit Füßen getreten wurde.

            Überreichung einer Dankbarkeitsurkunde
                    der Sudetendeutschen 1997 an
       Oberbürgermeister Lauer und Landrat Dr. Denzler

Das Münchner Abkommen, das durch internationalen Vertrag die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete geregelt hatte, wurde von den Signatarstaaten England und Frankreich als nicht mehr gültig erklärt, da es vom Deutschen Reich, von Hitler, gebrochen wurde. Der Zweite Weltkrieg, vom 1. September 1939 bis 8. Mai 1945, warf seine Schatten voraus. Dieser Krieg, begonnen vom Deutschen Reich, endete mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Die sudetendeutsche Volksgruppe gehörte zu denen, die für die Verbrechen, die im deutschen Namen geschehen sind, bezahlen mussten. Sie wurden vom wiedererstandenen tschechischen Staat durch die sogenannten Benesch-Dekrete zu Staatsfeinden erklärt. Völlig recht- und mittellos wurden sie auf brutalste Weise aus ihrem Jahrhunderte alten Siedlungsgebiet in das völlig zerstörte Rest-Deutschland vertrieben. Mehr als 200.000 kamen dabei ums Leben, nur weil sie Deutsche waren. Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen vom 5. August 1950 gilt für die Sudetendeutschen auch heute noch: Schaffung eines geeinten Europa, in dem alle Völker ohne Furcht und Unterdrückung leben können auf Grund der Wahrheit und des Rechtes. Gerade jetzt, da Europa größer wird, muss „Recht“ für alle das Gleiche bedeuten.

Ernst Felgenhauer