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 Machtergreifung in Gaustadt 1933

Ausarbeitung von Andreas Stenglein, März 2003

Geschichtliche Daten

 

20.05.1928              Reichstagswahl: DNVP: 14,2 % (73 Sitze); Zentrum/BVP: 15,2 % (78 Sitze);
                                   SPD: 29,8 % (153 Sitze); KPD: 10,6 % (54 Sitze); NSDAP: 2,6 % (12 Sitze)

 14.09.1930              Reichstagswahl: DNVP: 7 % (41 Sitze); Zentrum/BVP: 14,8 % (87 Sitze);
                                   SPD: 24,5 % (143 Sitze); KPD: 13,1 % (77 Sitze); NSDAP: 18,3 % (107 Sitze)

 31.07.1932              Reichstagswahl: DNVP: 5,9 % (37 Sitze); Zentrum/BVP: 15,7 % (97 Sitze);
                                   SPD: 21,6 % (133 Sitze); KPD: 14,3 % (89 Sitze); NSDAP: 37,3 % (230 Sitze)

 06.11.1932              Reichstagswahl: DNVP: 8,5 % (52 Sitze); Zentrum/BVP: 14,0 % (92 Sitze);
                                   SPD: 20,4 % (121 Sitze); KPD: 16,9 % (100 Sitze); NSDAP: 33,1 % (196 Sitze)

 30.01.1933              Machtergreifung: Adolf Hitler wurde Reichskanzler

 05.03.1933               Reichstagswahl: DNVP: 8,0 % (52 Sitze); Zentrum/BVP: 13,9 % (92 Sitze);
                                    SPD: 18,3 % (120 Sitze); KPD: 12,3 % (81 Sitze); NSDAP: 43,9 % (288 Sitze)

 23.03.1933               Ermächtigungsgesetz: Parlament überträgt die Legislativmacht auf die Regierung

 31.03.1933               Gleichschaltungsgesetz: Vorläufiges Gesetz zur Gleichschaltung
                                    der Länder mit dem Reich

07.04.1933               Endgültiges Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich

 19.08.1934               Volksabstimmung über die Zusammenlegung der Ämter des Reichspräsidenten 
                                   und des Reichskanzlers

 Machtergreifung in Gaustadt

 Nach der „Machtergreifung“ der NSDAP am 30. Januar 1933 („Machtübergabe“ der konsevativen Parteien an die NSDAP wäre wohl der richtigere Ausdruck) wurden im Frühjahr 1933 alle Bürgermeister und Gemeinderäte abgesetzt, also auch die in den überwiegend katholisch geprägten 142 Gemeinden des Bezirksamtes Bamberg. (1) Gesetzliche Grundlage für diese Maßnahme war das Gleichschaltungsgesetz vom 31. März 1933 (Reichsgesetzblatt I Seite 153).
Basierend auf den Ergebnissen der Reichstagswahl vom 5. März 1933 wurden die Sitze in den Gemeinderäten neu verteilt. In den meisten Gemeinden ging die Aktion reibungslos vonstatten. In Gaustadt hat sich die Kampagne am längsten hingezogen.
Da dieses geschichtlich nur ungenügend aufgearbeitete Ereignis sich nun zum siebzigsten Mal jährt, will ich es anhand der damaligen Akten ins Gedächtnis zurückrufen. (2)

Am 22. April 1933 berieten unter Vorsitz des Ersten Bürgermeisters Josef Simon (der sich in eigener Machtvollkommenheit selbst eingesetzt hat und sich die Amtsgeschäfte vom Zweiten Bürgermeister Peter Habermann am 28. März 1933 hatte übergeben lassen) vier Vertrauensleute der Parteien über die Neubildung des Gemeinderats.
Die Vertrauensleute waren:
Schmidt Willy              * 25.07.1893        Elektromonteur Haus-Nr. 138               NSDAP
Pflaum Georg             * 04.01.1895        Spinnereiarbeiter Haus Nr. 40              SPD
Pfuhlmann Georg      * 16.12.1873        Spinnmeister a. D. Haus-Nr. 133          BVP und
Kolb Andreas             * 18.12.1900         Textilarbeiter Haus-Nr. 1061/7               NSDAP.

Letzterer war vom Wahlleiter hinzugezogen worden, weil der Ausschuss aus insgesamt fünf Mitgliedern zu bestehen hatte. Dass aber ausgerechnet ein NSDAP-Mitglied zur Komplettierung herangezogen wurde, ist in Anbetracht der Parteienstärke nicht korrekt gewesen.
Als erste Amtshandlung beschloss der Ausschuss mit drei gegen eine Stimme bei einer Enthaltung, beim Wahlvorschlag der SPD den Bewerber Michael Rümmer – den bisherigen Bürgermeister – „wegen Greuelhetze“ zu streichen.
Dann erfolgte die Sitzverteilung im Gemeinderat, die sich, wie erwähnt, nach den Ergebnissen der Reichstagswahl vom 5. März 1933 richtete, bei der in Gaustadt die

NSDAP             384 Stimmen   =   24,1 %, die
BVP                   678 Stimmen   =   42,7 % und die
SPD                   527 Stimmen   =  33,2 % erhalten hatte.

Demzufolge erhielt die

NSDAP              2 Sitze, die
BVP                    5 Sitze und die
SPD                   3 Sitze.

Die Sitze wurden gemäß den Wahlvorschlägen an folgende Bewerber vergeben:

NSDAP:
Simon Josef            * 15.04.1900               Schneider                Haus-Nr. 100½  (3)
Schmidt Willy          * 25.07.1893                Elektromonteur      Haus-Nr. 138 (4)

BVP:
Habermann Peter       * 27.06.1890            Bauführer                 Haus-Nr. 67 (Hauptstr. 64)
Hohl Georg                  * 20.12.1880             Webmeister a. D.   Haus-Nr. 107½ (Semlingerstr. 7)
Jäck Johann                * 19.12.1890            Landwirt                   Haus-Nr. 18 (M.-Ott-Str. 2)
Pfuhlmann Georg       * 16.12.1873            Spinnmeister a. D.Haus-Nr. 133 (Hauptstr. 135)
Stollberger Andreas   * 11.04.1876            Landwirt                   Haus-Nr. 9 (Flößerg. 9) (5)

SPD:
Rümmer Michael        * 05.07.1894             Spinner                    Haus-Nr. 451/10 (Fischerg. 10)
Krug Anton                   * 25.10.1895             Spinner                    Haus-Nr. 128 (Hauptstr. 132)
Ritter Georg                 * 07.07.1882             Maurer                      Haus-Nr. 59r (Blumenstr. 6). (6)

 Bei der Wahl des Ersten Bürgermeisters am 26. April 1933 stimmten sieben Gemeinderäte für Oberpostinspektor i. R. Andreas Gerneth (7). Auf den NSDAP-Ortsgruppenleiter Josef Simon entfielen zwei Stimmen.
Simon intervenierte am gleichen Tag bei Kreisleiter Lorenz Zahneisen gegen Gerneths Wahl. In dem Brief betonte er, „dass die BVP-Gemeinderäte unter der geistigen Führung des ehemaligen marxistischen Bürgermeisters Rümmer stehen“ und sich geäußert hätten, „dass sie lieber in Ehren untergehen wollten als jemals einen Nationalsozialisten zu wählen“.
Die fünf Gemeinderäte der BVP „verpflichteten sich am 4. Mai 1933 ehrenwörtlich, dem NSDAP-Kandidaten als Zweiten Bürgermeister die Stimme zu geben, wenn Gerneth als Erster Bürgermeister bestätigt wird“.
Gerneth ging am 11. Mai 1933 ins Bezirksamt und erklärte dort, dass er 62 Jahre alt sei, seit 1881 in Gaustadt wohne und drei Jahre die Gemeindekassengeschäfte geführte habe. Simon habe einen Tag vor der Wahl erklärt, dass ein Bürgermeister von der Volkspartei nicht genehmigt werde, worauf sich BVP und SPD auf ihn geeinigt hätten. Die Gaustadter Einwohner seien zu 80 % auf seiner Seite, Simon hingegen sei nicht so beliebt. Und am 19. Mai 1933 suchte er Kreisleiter Zahneisen persönlich auf, um diesen für sich zu gewinnen. Zahneisen ließ Gerneth jedoch abblitzen, worauf dieser am 20. Mai 1933 seinen Rücktritt erklärte.
In diesem Zusammenhang behauptete Simon, dass Gerneth zwischenzeitlich Mitglied der NSDAP geworden war, um – das sagt er nicht expressis verbis, meint es aber – seine nationalsozialistische Gesinnung zu bekunden und seine Chancen zu verbessern. Einen Beweis hierüber habe ich nicht gefunden. Mitglied geworden war Gerneths Sohn Fritz (ab 1.4.1933).
Interessant sind in diesem Zusammenhang ein paar Briefe Gaustadter Bürger an Zahneisen:
Dr. phil. August Schmitt, Mitglied im „Kampfbund freideutsche Kultur“ und nach eigenem Bekunden ein überzeugter Nationalsozialist, forderte am 22. April und 22. Mai 1933, dafür zu sorgen, dass ein bewusster Nationalsozialist als Bürgermeister berufen werde.
Brauereibesitzer Georg Wörner und Privatier C. Dürschinger (Wasserschloss) plädierten am 3. Mai 1933 für Simon als Bürgermeister, „weil den acht Vertretern der schwarzroten Koalition nur zwei Nationalsozialisten gegenüber stünden und dieses Missverhältnis noch vertieft würde, wenn ein Bürgermeister an die Spitze treten würde, der keine Gewähr bietet, dass in dem zum großen Teil den nationalen Belangen gleichgültig gegenüberstehenden Gemeinderat eine ersprießliche Aufbauarbeit für Gemeinde und Vaterland geleistet werden kann“.

 Am 22. Mai 1933 wurde erneut gewählt. Dieses Mal wurde Peter Habermann, der unter Rümmer Zweiter Bürgermeister gewesen war, bei neun Stimmberechtigten mit sieben gegen zwei ungültige Stimmen gewählt. Für Simon als Zweiten Bürgermeister wurden ebenfalls neun Stimmen abgegeben, von denen vier ungültig waren. Er erhielt fünf Stimmen.
Simon, der offenbar mehr Aufschneider als Schneider war und eine unrühmliche Rolle in dieser Sache spielte, ging am 23. Mai 1933 zum Bezirksamt und verzichtete freiwillig auf das Amt des Ersten Bürgermeisters und schlug Bäckermeister Wilhelm Würstlein als Ersten Bürgermeister vor. Vorher hatte er schon einmal, als er merkte, dass er von seinen eigenen Leuten wegen seiner nicht ganz reinen Weste kalt gestellt werden sollte, den Brauereibesitzer Wörner als Ersten Bürgermeister ins Gespräch gebracht und sich dabei den sicheren Posten des Zweiten Bürgermeisters erhofft. Am 19. Juni 1933 meldete er sich auf Briefbögen der NSDAP-Ortsgruppe sowohl beim Bezirksamt als auch bei der Kreisleitung neu zu Wort und zog mit unter die Gürtellinie gehenden Argumenten gegen die Nominierung Würstleins vom Leder. Als neuen Bürgermeisterkandidaten zauberte er den Oberlehrer Georg Röder aus dem Hut.
Kreisleitung und Bezirksamt setzten dem Treiben ein Ende. Kreisleiter Zahneisen entschied am 20. Juni 1933, dass Habermann als Erster Bürgermeister abgelehnt und Wilhelm Würstlein als Bürgermeister bestimmt wird. Das Bezirksamt Bamberg verfügte tags darauf, dass Peter Habermann als Erster Bürgermeister abgelehnt wird, „weil bei seiner einstigen engen Zusammenarbeit mit der SPD keine Gewähr gegeben ist, dass er jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintritt“.

 Am gleichen Tag, also am 21. Juni 1933, ordnete das Bezirksamt an, dass Wilhelm Würstlein als Erster Bürgermeister der Gemeinde Gaustadt eingesetzt wird.

Am 13. Juli 1933 erklärten die Gemeinderäte Georg Hohl, Peter Habermann, Andreas Stollberger und Georg Pfuhlmann „freiwillig“ ihren Rücktritt. Hierauf wurde ein neuer Gemeinderat „gewählt“ oder richtiger: er wurde zusammengesetzt, der aus folgenden Personen bestand:

Würstlein Wilhelm                 Bäckermeister              Haus-Nr. 95                Erster Bürgermeister (8)
Simon Josef                            Schneider                               “ 100½
Schmitt Willy                            Monteur                                   “ 138
Kolb Andreas                          Spinner                                    “ 1061/7
Gruber Robert                         Chauffeur                                “ 126 (9)
Sterzl Otto                                 Kaufmann                               “ 140 (10)
Stollberger Andreas               Landwirt                                  “ 9
Leicht Georg                            Landwirt                                  “ 6 (11)
Schmitt Canditus                    Schulrat                                   “ 140
Reges Johann                        Schuhmachermeister           “ 106½ (12)
Siedler Peter                           Spinner                                    “ 95.

Etwas verändert wurde die Liste am 29. Juli 1933 vom Bezirksamt „im Einvernehmen mit dem Kreisleiter der NSDAP“ genehmigt. Der Gemeinderat wurde wie folgt neu bestellt:

Würstlein Wilhelm               Erster Bürgermeister
Simon Josef
Schmidt Wilhelm
Kolb Andreas
Wörner Georg (13)
Röder Georg (14)
Leicht Georg
Stollberger Andreas (15) 
Gahler Franz (16)
Gruber Robert
Rattenbacher Anton.

Nach einer Namentlichen Liste der NSDAP-Mitglieder Gaustadts, die sich in meinem Archivbestand befindet, waren alle vorgenannten Gemeinderäte Mitglieder der NSDAP, teilweise schon vor 1933.
Simon gab sich nicht zufrieden und trieb weiter ein übles Spiel. Am 27. Juli 1933 führte er gegenüber dem Bezirksamt schweres Geschütz gegen den nun installierten Bürgermeister Würstlein auf. Die Antwort lautete lapidar: „Es ist deutlich zu ersehen, dass das ganze Verfahren nicht deshalb anhängig gemacht wurde, um damit der Gesamtheit zu dienen, sondern lediglich in der Absicht, sich ein Pöstchen zu verschaffen. Wenn die ganze Kunst der in Frage kommenden Person darin besteht, andere Personen mit Schmutz zu bewerfen, um sich selbst Vorteile zu verschaffen, so ist für sie im Gemeindedienst im neuen Reich kein Platz.“
Gaustadt, nach einem Schreiben der Regierung von Oberfranken vom 7. Februar 1934 an das Bezirksamt Bamberg die größte Gemeinde im Amtsbezirk, kam nicht zur Ruhe.
Würstlein schrieb am 23. April 1934 ans Bezirksamt klipp und klar: „Simon besitzt nicht mein persönliches Vertrauen.“
Das Fass zum Überlaufen jedoch brachten die Wahlen vom 19. August 1934 (17), bei denen es im Wahlbezirk, in dem Simon als Vorsitzender fungierte, nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Simon hatte Wahlumschläge bestimmter Wähler so präpariert, dass er bei der Auszählung schlussfolgern konnte, wem der Stimmzettel zuzuordnen war. Nach der Wahl hat er dann den in Betracht kommenden Wählern ihr „falsches Wählen“ auf den Kopf zugesagt. Ins Rollen gebracht wurde die Sache von den zwei Beisitzern Gruber und Kolb.
Von der Gemeinde wurde daraufhin am 19. Oktober 1934 die Amtsenthebung Simons, dessen Verhalten schon, wie im Gendarmeriebericht vom 28. April 1933 nachzulesen ist, vor seiner Berufung zum kommissarischen Bürgermeister nicht einwandfrei gewesen war, beantragt. Hauptwachmeister Harrer führte treffend über ihn aus: „Simon ist eine solche Person, die nicht gerne arbeitet; er möchte am liebsten den Herrn spielen, weswegen er auf alle Fälle von seinem jetzigen Posten nicht mehr zurücktreten will.“
In einem Brief des Bezirksamtes vom 7. Juni 1935 an die Regierung von Ober- und Mittelfranken in Ansbach wurde der Widerruf der Bestätigung Simons als Zweiter Bürgermeister von Gaustadt beantragt, was schließlich mit Erlass des Staatsministeriums des Innern vom 24. Juni 1935 – Nr. 3067 r 172 – genehmigt wurde.
Daraufhin ist, wie aus dem Gendarmeriebericht vom 9. Juli 1935 hervorgeht, Ruhe eingekehrt. „Die Abberufung hat in der Bevölkerung große Befriedigung ausgelöst“. Weiter heißt es im Bericht: „Das Beste wäre, wenn er auch als Ortsgruppenleiter verschwände“, was tatsächlich geschah. Im Krieg galt er als vermisst. Seine Frau hat ihn – so ist es mir bekannt – „für tot“ erklären lassen. Tatsächlich ist er aber aus dem Krieg zurückgekehrt und hat 1970 in Konstanz mit einer anderen Frau zusammengelebt (C 9, Nr. 58b, a. a. O.). Der durch einen postalischen Zufall aufgeflogene Schwindel soll die Rückforderung der Witwenrente nach sich gezogen haben. Er hat, wie es scheint, die Betrügereien nicht lassen können.

Das Kapitel Machtergreifung in Gaustadt, die mit erheblichen Geburtswehen verbunden war, ist damit abgeschlossen.

In schnellen Zügen will ich noch auf die sich daran anschließenden Jahre kurz eingehen.
Würstleins Amtszeit als „ehrenamtlicher Zeitbeamter“ endete gemäß § 44 Abs. 3 der Deutschen Gemeindeordnung durch Zeitablauf im März 1943. Sie hätte verlängert werden können, wenn er – vereinfacht ausgedrückt – ein besserer Nazi gewesen wäre und sich nicht mit seinem Schwager, dem Ortsgruppenleiter Johann Konrad Schmidt (18), überworfen hätte. Auch private Gründe scheinen letztendlich eine Rolle gespielt zu haben.
Jedenfalls hat Zahneisen am 27. Juli 1943 dem Bezirksamt mitgeteilt, „dass eine Zusammenarbeit zwischen der Partei und Bürgermeister Würstlein in keiner Weise mehr gewährleistet sei, und er deshalb beantrage, seine Abberufung in die Wege zu leiten“. Die Entlassungsverfügung selber wurde am 7. Januar 1944 ausgefertigt.
Auf Würstleins Beschwerde hin kam die Regierung am 21. März 1944 zum Ergebnis, dass Landrat Schick berechtigt gewesen war, Würstlein zu verabschieden. In Schicks Bericht vom 8. März 1944 werden besonders die Differenzen zwischen Würstlein, Ortsgruppenleiter Schmidt und Ortsbauernführer Stollberger betont. Wörtlich heißt es im Report: „Weil ein tragbares Verhältnis zwischen Würstlein und der Partei nicht zu erwarten sei, habe er Würstlein den freiwilligen Rücktritt nahegelegt, zumal sich die Amtsgeschäfte nun seit Monaten bei dem Ortsgruppenleiter der NSDAP, Schmidt, in guter Hand befinden. Würstlein habe dies aber nicht getan.“

Würstlein sinnierte über seinen Nachfolger Schmidt: „Ich kann nur annehmen, dass den seit 1943 als Ortsgruppenleiter eingesetzten Pg. Schmidt, der heute auch Stellvertretender Bürgermeister in Gaustadt ist (und mein Schwager), familiäre Gründe dazu bewegen, gegen mich solche Schritte zu unternehmen.“ Auslöser der Reiberei zwischen Würstlein und Stollberger war ein polnischer Gemeindearbeiter, den Stollberger anderweitig eingesetzt wissen wollte.
Würstleins (sinngemäße) Redensarten wie, dass er nicht zum Parteitag nach Nürnberg (am 11.9.1935) fahre, weil bei so vielen Leuten etwas passieren könne, oder dass er (nachdem er seitens der NSDAP zu Sachspenden in Form von Brezen etc. gedrängt wurde), wenn er armen Leuten helfen wolle, keine NSV und keinen Hitler brauche, haben seine Situation mit Sicherheit ebenso wenig verbessert wie seine öfteren nachmittäglichen Besuche des Cafes Wittelsbach (neben dem Kino „Lichtschau“ an der Promenade). Ob er sich tatsächlich gegen die (per Verordnung vom 23. April 1943 angeordnete) Entfernung der Kruzifixe aus den Schulen aus-gesprochen hat und damit einen weiteren Vorwand oder den Hauptgrund für seine Ablösung lieferte, wie seine Tochter Lotte (verwitwete Röder) einmal mutmaßte, war nicht zu klären. (19)
1945 wurden alle drei – Würstlein, Schmidt und Stollberger – interniert bzw. eingesperrt!

 Drei der ehemaligen Gemeinderäte waren nach dem Krieg aktiv wieder in der Gemeinde tätig:

Anton Krug (SPD)                                      Bürgermeister von 1945-1946 (von Amerikanern eingesetzt)
Johann Jäck (CSU)                                   Bürgermeister von 1946-1952
Peter Habermann (Freie Wähler)           Bürgermeister von 1952-1960.

 Bamberg-Gaustadt, im März 2003

Andreas Sebastian Stenglein, letzter Erster Bürgermeister (SPD) der ehemals selbständigen Gemeinde Gaustadt (die Stichwahl 1966 gegen den amtierenden CSU-Bürgermeister Kilian Krug [1960-66] mit 1544:1469 Stimmen gewonnen)..

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1   „Die Mehrzahl der 57846 Einwohner (1933) im Bezirksamt Bamberg lebte in kleinen Gemeinden und Dörfern. Nur ein Fünftel der Gemeinden hatte mehr als 500 Einwohner, in über der Hälfte der Gemeinden betrug die Ortsbevölkerung jedoch weniger als 300 Einwohner. In sieben Gemeinden (Bischberg, Burgebrach, Ebrach, Hirschaid, Oberhaid, Sassanfahrt, Scheßlitz) überstieg die Einwohnerzahl die Grenze von 1000 Bewohnern knapp; nur Gaustadt und Hallstadt mit je rund 2800 Einwohnern ragten aus dieser kleingemeindlich strukturierten Region etwas heraus.“ Im Bezirksamt Bamberg hat die Bayerische Volkspartei (BVP) bei den Reichstagswahlen 1932 rund zwei Drittel aller Stimmen erhalten.
Zitiert nach DIE NSDAP IM DORF, Die Gleichstellung der Gemeinden im Bezirksamt Bamberg 1933 von Prof. Dr. Klaus Schönhoven (Univ. Mannheim) in Jahresbericht 120 des Historischen Vereins Bamberg 1984, S. 285. Die Daten entstammen der Zeitschrift des bayerischen Statistischen Landesamtes, Jg. 66, 1934, S. 37.

2   Akten der Regierung von Oberfranken: Gemeindewahl Bamberg 1933-48: K 3, 202 bei Staatsarchiv Bamberg, und Akten des Bezirksamtes Bamberg: Wahlakten der Gemeinde Gaustadt: K 5, 4978 a. a. O.

3   Simon, Josef: Schneider (er bezeichnete sich auch als Kaufmann); * 15.4.1900 Bamberg; Eltern: Simon Otto und Anna, geborene Kropf. Wohnhaft seit 1924 in Gaustadt, Haus-Nummer 100½ (heute: Seefriedweg 2). Verheiratet mit Bohrer Elisabeth. 1934 hatte er drei eheliche Kinder und ein uneheliches Kind. Lt. einem Brief vom 5.6.1935 an das Bezirksamt „arbeitete er seit sieben Jahren für die Bewegung“.

4   Schmidt, Wilhelm: Monteur; * 25.7.1893 Frankfurt/Main. Vermählt mit Schober Ursula. Wohnhaft in Gaustadt Nummer 138, also im Bereich der Hauptstraße mit den heutigen Nummern 122-141; am ehesten Nummer 141. Am 28.8.1936 ist er nach Bamberg verzogen (Findstelle: C 51, Nr. 1684, bei Stadtarchiv Bamberg [StadtAB]).

  Weitere NSDAP-Bewerber waren: Kolb Andreas, * 18.12.1900, Textilarbeiter, Haus-Nr. 106 1/7 (heute: Hauptstr. 95), nachgerückt für den zum Bürgermeister avancierten Simon; Eiser Konrad, * 13.2.1880, Textilarbeiter, Haus-Nr. 122 1/12; Reinfelder Theodor, * 29.10.1906, Bauarbeiter, Haus-Nr. 52⅓; Morgenroth Adam, * 11.3. 1901, Schreiner, Haus-Nr. 59g (heute: Steigerwaldstr. 5); Rattenbacher Anton, * 21.12.1900, Textilarbeiter, Haus-Nr. 122¼ (heute: Häfnerstr. 8); Gruber Robert, * 15.3.1890, Kraftwagenführer, Haus-Nr. 126 (heute: Hauptstr. 131), und Dittmer Gerold, * 5.11.1907, Schreiner, Haus-Nr. 130 (heute: Hauptstraße 133).

6   Weitere BVP-Bewerber waren: Schneiderbanger Martin, * 14.4.1891, Spinner, Haus-Nr. 131; Haßfurther Michael, * 6.5.1896, Fleischbeschauer, Haus-Nr. 94 (heute: Hauptstr. 57); Geus Adam, * 13.10.1875, Spinnmeister, Haus-Nr. 130 (heute: Hauptstr. 133); Kraus Georg, * 18.3.1897, Fabrikarbeiter, Haus-Nr. 59i, und Eiser Johann, * 6.12.1895, Prokurist, Haus-Nr. 77½ (heute: Hauptstr. 80), sowie noch einmal zehn Männer.
Weitere SPD-Bewerber waren: Pflaum Georg, * 4.1.1895, Spinnereiarbeiter, Haus-Nr. 40 (heute: Martin-Ott-Str. 1), nachgerückt für Rümmer; Huter Johann, * 23.9.1890, Bauarbeiter, Haus-Nr. 59g (nun: Steigerwaldstr. 5); Knoblach Johann, * 7.11.1891, Invalide, Haus-Nr. 45⅓ (heute: Haßbergestr. 11); Spörl Johann, * 6.2.1895, Spinnereiarbeiter, Haus-Nr. 45 1/6; Ritzer Johann, * 1.3.1875, Spinnereiarbeiter, Haus-Nr. 122 1/11; Nöth Fried-rich, * 17.7.1896, Spinnereiarbeiter, Haus-Nr. 140 (heute: Fabrikhof 27); Wachter Johann, * 29.9.1878, Spinner, Haus-Nr. 111½; Förth Johann, * 17.7.1896, Spinnereiarbeiter, Haus-Nr. 19, und Forster Jakob, * 19.4.1900, Weber, Haus-Nr. 109½.

 Gerneth, Andreas: * 12.4.1871 Lahm/Teuschnitz, + 8.7.1936 Gaustadt; Vater: Friedrich Gerneth, Lehrer, um 1880 in Gaustadt Nr. 101⅓ (heute: Hauptstraße 108) zugezogen (C 51, Nr. 1684 a. a. O.).

Hinweis: Vom „Fischerhof“ (heute: Hauptstr. 109) bis zum „Direktorshaus“ (heute: Hauptstr. 120-121) standen damals keine Häuser. Im Haus mit der heutigen Nummer 122 („Konsum“) wohnten Angestellte der Spinnerei.
Die Zuordnung der alten Haus-Nummern zu den heutigen habe ich aus meinem Gedächtnis vorgenommen.

8   Würstlein, Wilhelm (Bäckermeister): * 29.10.1891 Gaustadt, + 15.10.1952 Gaustadt (C 51, Nr. 1684 a. a. O.); Eltern: Würstlein Philipp und Margareta, geborene Füller. Verheiratet mit Deppert Maria Dorothea aus Gochsheim, * 22.2.1902, + 13.10.1986. Wohnhaft in Gaustadt Haus-Nr. 95 (heute: Hauptstraße 90).

9   Nr. 126 ist heute Hauptstraße 131.

10   Nr. 140 war das eigentliche Spinnereiareal (mit Werkwohnungen), heute: Fabrikhof 27.

11   Leicht, Georg (Landwirt): * 8.2.1881 Gaustadt; Haus-Nr. 6 (heute: Fischergasse 1).

12   Haus-Nr. 106 ½ ist heute Hauptstraße 85.

13   Wörner, Georg (Brauereibesitzer der „Bürgerbräu“): * 22.5.1881 in Erbach (Odenwald).

14   Röder, Georg (Oberlehrer): * 23.11.1887 in Bamberg; Bubenschule (heute: Hauptstr. 46).

15   Stollberger, einst BVP, nun NSDAP, ist Ortsbauernführer geworden.

16   Gahler, Franz: Obermeister in der Spinnerei, wohnhaft in der Hauptstraße mit der heutigen Nummer 122, ist in den letzten Kriegstagen als Volkssturmmann in Gaustadt ums Leben gekommen.

 17   Bei den Wahlen – Volksabstimmung – vom 19. August 1934 ging es um die Zusammenlegung der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers. In Gaustadt gab es 152 Neinstimmen.

18   Schmidt, Johann Konrad: geboren am 16. Mai 1879 in Streitau bei Gefrees als siebtes Kind von acht der Eheleute Schmidt Georg und Elisabeth, geborene Walter. Ab 1. Mai 1937 wird er als NSDAP-Mitglied in Gaustadt erwähnt.

19   Ich selber war zu dieser Zeit am Alten Gymnasium in Bamberg und kann daher aus eigener Kenntnis nichts zur Aufklärung beitragen. Mir ist nebenbei bemerkt nicht in Erinnerung, wie diese Verordnung an unserer Schule gehandhabt wurde. Erinnerlich ist mir nur, dass wir ab 1943 oder 1944 Religionsunterricht auf freiwilliger Basis in der Antoniuskapelle von St. Martin hatten. Die Auskünfte ehemaliger Gaustadter Schüler laufen darauf hinaus, dass sie sich an eine Entfernung bzw. Nichtentfernung der Kruzifixe nicht erinnern.