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Waffen und Wunden

Im allgemeinen wird unter den Zentfällen d. h. den Straftaten, die vor das Zentgericht gezogen wurden, neben Brand(stiftung), Notnunft (Notzucht) und Raub und Mord und fließende Wunden begriffen. Der Zent stand als "peinlichem Halsgericht« das Recht zu, die Todesstrafe in ihren damaligen verschiedenen Möglichkeiten zu verhängen. Doch waren diese Zentfälle in den einzelnen Gerichten, ja Dörfern verschieden, auch zeigte sich in der Praxis eine weitgehende Milde. Zwar unterschied man z. B. in Gaustadt wohl fließende Wunden von Beulen, aber vor die Zent brachte man doch nur gewaltsame Todesfälle. Die fließenden Wunden unterschied das Michelsberger Pfortengericht von den Beulen nur durch das Strafmaß. Wegen der höchst auffälligen Formulierung der Zentfälle sei hier aus dem Michelsberger Gerichtsbuch der 1550er Jahre die Zuständigkeit des Medlitzer Hochgerichts für Dörfleins angeführt: " . . . so weren auch die Dörflesser nichts anderes zu Meltz dhan die vier rüge nemlich stein und reyn, diebstal, fließende wunden und mörder oder waffen Johe geschrey zu verrechten(vor Gericht zu verantworten)".

Wenn sich jemand über die in der Überschrift enthaltenen Waffen wundern sollte, insofern nämlich, ob sie so wichtig gewesen seien, so werden die folgenden Beispiele die Bedeutung einer Waffe, ihren Gebrauch und ihre Anwendung, für den Gaustadter wenigstens für die Zeit vor dem 30jährigen Krieg aufzeigen. Denken wir daran, dass man obrigkeitlicherseits erwartete, ja verlangte, dass jedermann eine Waffe, und wenn es nur ein Spieß war, im Haus hatte. Das war bei der Abstellung der Bauern zum Turnier in Bamberg zu sehen. Aus den Gerichtsbüchern lernen wir alle möglichen Waffen kennen, angefangen vom gewöhnlichen als Waffe gebrauchten Brotmesser, genannt Bröter, bis zum Gewehr und zur Pistole im 18. Jahrhundert, ja, man kann behaupten, der Gaustadter trug, die Familie und ,allerdings auch nicht immer, die Arbeit ausgenommen, eine Waffe bei sich. Mit Erstaunen stellt man fest, dass man damals im 16. Jahrhundert eine Waffe z. B. einen Spieß mit sich führte wie heutzutage einen Spazierstock!

Wenn aber die Gaustadter, natürlich auch die anderen Bauern, unglücklich mit ihren Waffen hantiert hatten, dann versuchten sie sich mit Bauernschläue wegen der "Waffen" hinauszureden. Als Heinz Kerßlein dem Peter Löhr ein Glas Wein ins Gesicht geworfen und alsbald "vom Leder gezogen und auf Löhr gehauen hatte", redete er sich 1543 gegen die Anklage, die von einer Waffe redete, so hinaus, dass er keine Wehr dann einen Weidner (Hirschfänger) bei ihm (sich) gehabt" habe :. Mit dem Weidner saß er also ganz unbefangen im Wirtshaus.

Andererseits will Hans Linßner beweisen, dass er in Hans Stretzen Haus an einer Zeche "auf dieselben Zeit kein Messer oder dergleichen Wehre bei ihme gehabt" habe (1526).

Er betrachtete also das Messer offensichtlich als eine Wehre, eine Waffe, die er ableugnet. Ein Zeuge freilich enthüllt die Hinterhältigkeit seiner Verteidigung, indem "er kein Messer, sondern ein(e) Kolbarten beim ihm gesehen". Diese öfters genannte Waffe ist sprachlich eine unkenntlich gewordene Zusammensetzung von Kolben und Barte (= Beil), ähnlich wie Hellebarde aus Helm ( = Stiel) und Barte entstand. Als 1547 ungefähr acht Tage vor Fastnacht Jorg Löhr (Loher) "ein mahel ausgeschrien", da sei er "mit einem angehängten Waidner und einem Handbeil gelaufen kommen". Gegen diese Ungehörigkeit wendete sich der Schultheiß. 1522 schlug Hans Kilian mit einer Heppen nach dem Hoffman, was er mit 22 1/2 Pfennigen zu büßen hatte. Name und wohl auch Form dieses eigenartigen Werkzeug, es hat sich bis heute erhalten. Craft Hoffman hatte 1500 die Anna Linßnerin "bei Nacht und Nebel mit gewappneter Hand überloffen und geschlagen, also dass das Messer zu Stücken gesprungen sei". Hans Stürmer schlug 1541 den Hans Hoffman mit einem Spieß.

Man nimmt die Waffe zum Wein und Spiel mit; dabei griff Horlender "an den Degen" gegen Heinz Stürmer, "ihn wollen hauen, darnach wäre Cunz Stürmer mit dem Kars (Karst) dargelaufen" (1505).

Als Adam Poltz mit seinem Gesellen Cunz Rab(en) 1509 uneins geworden war, so dass sie "in unfreundlicher weis einander unter die Angesicht gespeit haben", hatte Cunz Stürmer "ein Stangenpeihel in der Hand gehabt 1545 kam Mathes Stürmer "mit einem Schiweinsspieß" seinem Bruder zu Hilfe ". Während wir uns unter einem Stangenbeil ein Belleisen mit einem langen oder besonders langen Stiel vorzustellen haben, vielleicht eine Hellebarde, trug die Stange des Schweinsspießes oder der "Saufeder" eine bis zu 50 cm lange und sehr schmale Schneide oder Spitze. Hans Kraus war 1605 mit mehreren anderen wegen eines Zelints uneinig geworden und hatte dabei den Hans Held mit einem "Pütenmesser" (?) am Kopf verwundet. Die Nachtwächter gingen in Gaustadt bewaffnet durch das Dorf; da gab es natürlich Gelegenheiten zu Reibereien.

So zeigte der Schultheiß 1601 an, dass der junge Hans Blümlein zu nacht,; dem jungen Hans Krausen, der eben gewacht, "die Heilebarden genommen". Das war noch ein harmloses Vergehen. Als aber 1536 die vier Wächter "ums Dorf und im Dorf" gingen, kamen sie mit Heinz Kerßlein, den sie zufällig getroffen hatten, in Streit, und Wolf Amling, einer der Wächter, verlor seine Waffe, Deswegen wollte er dem Hans Eichelberger seinen Spieß nehmen. Da dieser es nicht zuließ, zog Armlang diesem das lange Messer, das er an der Seite trug, mit Gewalt heraus, hieb um sich und schnitt dabei seinem Wachgenossen Eberlein Kraus zwei Finger ab ".

Der Schneider Hans Wigandt zu Gaustadt war 1686 spät abends gegen 9 Uhr in das Dorf gekommen, offenbar war er auswärts gewesen, hatte "mit dem Puffer (Pistole) einen Schuss getan, überdies sich dann ins Wirtshaus gesetzt und drinnen mit Trinken und Spielen bis auf 1 Uhr gezecht". Schließlich geriet er mit den Nachtwächtern Gg. Roth, Hs. Vogel und Jos. Männlein in Streit, die er beschimpfte. Am Ende "wurde er vom Roth mit einer Heugabel geschlagen"; diese vertrat anscheinend den sonst üblichen Wächterspieß, Das hört sich gar nicht so gefährlich an; der Bericht fährt aber fort, dass in solcher Schlägerei "der Schneider hart und fast tödlich verwundet worden". Dieser gleiche Schneider Wigand soll 1701 den Joh. Nie. Resch, Bürger und Bildhauer zu Bamberg und völlig verschuldeten Inhaber der unteren Wirtschaft, bei einer Zecherei einen Schelmb und Dieb geheißen, auch die Handschuhe genommen und ihm die peruque (Perücke) vom Kopf weggerissen haben. Die Untersuchung ergab, als die Handschuhe dem Wigand aus der Tasche gezogen wurden, ging bei der entstandenen Schlägerei die Perücke verloren

Als die Feuerwaffen allgemeiner wurden, ging man mit diesen nicht weniger fahrlässig und leichtsinnig um. Georg Kollman, der uns schon mehrfach bekannte Schneider, klagte 1607 gegen Gg. Störmer das Spital gebraucht meiste diese Form für Stürmer und seinen gleichnamigen Sohn, "da dieser mit seinem Schießen mit den Püchsen habe ein Hochmut getrieben und bei Leibstraf solches ferner zu üben verboten worden. So er solches Gebot itzt vergessen und in Wind geschlagen, wie er dann itzt in der Karwochen, do er, Schneider, mit seinem Weib, so groß schwanger des Leibs, eben zu diesem Mal zu Gottes Tisch gangen und do er mit ihr die Suppen gessen, sich wieder zu schießen unterstanden und einen Schuß vor seiner Tür getan, dass er und sein Weib darob sehr erschrocken . . . Bitt solchen Frevel und Mutwillen zu stillen und den jungen Stürmer zu strafen«. Darauf antwortete der beklagte Vater Störmer hämisch und höhnisch, "es sei solches Schießen kein Hochmut oder in Unwillen geschehen, sondern in Fall der Not, do er's bedörfe, dass er damit möchte versehen sein". Es sei auch das Ende dieser Klage angeführt: "Dieweil aber der alt Störmer von wegen seiner unverschämten und vergeblichen (unnützen) Wörter, wie er gesagt, gleichsam zu verstehen, was er möge viel nach seiner Herrschaft fragen, er dürfe auch wohl vor Fürsten und Herren gehen, und dem Herrn Pfleger Hopf (des Spitals) nicht angeloben wollen, dass sein Sohn in die Straf der Eisen gehen sollen, darauf ihm auferlegt, dass er (sein Haus) hinter dem Spital verkaufe oder fünf Gulden in einem Monat zahle". Weil der Schneider auch nicht Ruhe gebe, beide wohnten in einem Haus solle auch er verkaufen und sich hinweg begeben ". Beide scheinen aber nicht weggezogen zu sein, 1623 wurde Heinz Klöber von seiner Frau Dorothea beschuldigt, "dass er alles verschwend und anwerde, trag teglichen ein Beihel, ein Degen und ein Büchsen auf seine Schwäger".

Am 1. Mai 1682; als Gaustadt gerade Einquartierung hatte, nahm Lor. Waltz dem Schneider Hans Wigand "seinen Degen und Flinten und schmeiß (schmiß~ hieb) ihm den Puckel voll und trug den Degen und Flinten mit sich heim". Den Leichtsinn beim Umgang mit Feuerwaffen zeigt auch der schon erwähnte Vorfall an der Kirchweih des Jahres 1800.

Man trug aber nicht nur im, Dorf eine Waffe, sondern, wie die folgenden Beispiele zeigen, erst recht, wenn man auswärts z. B. nach Bamberg ging. Oben wurde schon angeführt, wie sich Els Zollnerin 1508 als einer "freien Fränkin" rühmte, oder wie sich Gg. Störmer vermaß, er dürfe wohl vor Fürsten und Herren gehen. Man könnte fast annehmen, dass sich die Gaustadter natürlich sie nicht allein mit einer Waffe versehen als freie Männer dünkten.

Gaustadt besaß keine Badstube, darum musste man nach Bamberg gehen, wenn das Bedürfnis sich zu reinigen vorlag. So gingen 1506 Hans Kraus, Cunz Stürmer, Hans Reuß, Heinz von Köttel und Peter Bodenbadi an einem Montag sie machten offenbar "blau" nach Bamberg ins Bad und dann zum Wein. Dabei ging es noch friedlich zu. Als sie aber gen Gaustadt gehen wollten, habe Stürmer mit Reuß "gezankt". Dabei habe Stürmer in (wohl auf) des Reußen Spieß gehauen, der ihn hingeworfen und liegen lassen. Reuß war also mit einem Spieß zum Baden gegangen! Der Köttler hob den Spieß auf und nahm ihn sehr zu seinem Schaden mit auf den ferneren Weg. Bei der Schönen Marter kam es wiederum zum Zank, wobei der Köttler den Kraus offenbar mit dem Spieß "zu leger" geschlagen, dass er geblutet habe. Da "leger" das Lager und besonders das Krankenlager bedeutet, musste sich Kraus wohl zu Bett legen. Jörg Weickardt sagte 1583 als Zeuge aus: Nachdem Hans Kraus und Wolf Kaudler in Bamberg fortgegangen waren und dahin, wo die Mauern am Wasser vor dem Pfeuffertor ein Ende gehabt, gekommen waren, "da habe der Kraus mit seinem Peill auf den Kaudler geschlagen". Ein anderer Zeuge bezeichnete die Waffe als ein Bertlein" (von Barte); Kraus habe so danuit zugeschlagen, dass ihm sein Beil abgefahren".

Zur Entschuldigung des Kraus könnte man höchstens annehmen, dass er das Beil eben in Bamberg gekauft hatte.

Hans und Heinz die Helden, Vater und Sohn, wollten Ende 1554 aus Bamberg heimgehen; da sei ihnen Hans Löhr selbdritt (er selbst mit zweien) unterwegs beim Neuen Bau am Torhaus (Pfeufertor) begegnet und habe dem Heinz Held zwei Streiche "mit der Wehre" (einem Säbel oder Degen) den einen am Kopf, den andern auf den rechten Arm ohne alle Ursache gegeben. Den Vater habe er in den Kot gestoßen, dass er lange nicht habe aufkommen können. Der Löhr habe sich hören lassen, es müsst ihn reuen, dass er den jungen Held nit zu Stücken gehieben hab. Vor Gericht freilich gab er es klein, als er die Bader und Krankenkosten aufgebrummt bekam.

Es gehörte nach allem, was man hört, zum guten Ton in Gaustadt, nach Bamberg mit einer Waffe zu gehen. Als sich Adam Polz 1510 zum Bade nach Bamberg begeben wollte, selbst aber keinen Degen besaß, so lieh er sich einen von Hans Linßner. Nach seiner Rückkehr übergab Polz die Waffe dem Sohn des Linßner, nicht dem Vater selbst, der feststellen musste, dass sein Degen zerbrochen war. Der um den Ersatz (drei Pfund) verklagte Polz beschuldigte kurzer Hand und mit dreister Stirn den jungen Linßner, den Degen zerbrochen zu haben

Die angeführten Tatsachen allein zeigen, dass es nichts, angefangen von Handwerkszeugen wie dem Karst über ein Brotmesser bis zu den Feuerwaffen, an Gegenständen gab, was zur Abwehr oder zum Angriff dienen konnte, dass man stets bereit war, alles zu gebrauchen, ohne lange zu bedenken, welches Unglück man anstellen konnte. Bei oder trotz ihrer zu alkoholischen Ausschreitungen geneigten Veranlagung liefen diese Leute Tag und Nacht in Gaustadt und Bamberg mit gefährlichen Waffen herum. Die Abbildungen aus jener Zeit, ob sie nun Bürger, Bauern oder Bettler zeigen, beweisen uns auch, dass irgendeine Waffe zum "Anzug" gehörte.

Den Leichtsinn, mit dem man Waffen gebrauchte, mögen zum Schluss zwei ganz krasse Fälle zeigen. Aus einer wehleidigen Bittschrift an den Fürstbischof wegen "eines schrecklichen und jämmerlichen Totschlags", der sich "am Abend vor Trinitatis 1591 (8. Juni) zwischen zwei Blutsverwandten gegeben", erfahren wir folgendes: Aus Gaustadt waren an die zwanzig Personen in Bamberg bei der Firmung gewesen. Damals wurde man ja erst in den 20er Lebensjahren oder noch später gefirmt. "jeder unter ihnen hatte einen Firmling gehabt" und nach der Firmung waren sie alle zu Simon Biedermann, Weinschenk in Bamberg, gegangen, wo sie drei Gulden und fünf Patzen verzechten. Schon bei der Bezahlung waren Lor. Poser, der Firmling, und Gg. Löhr, der Firmdot, uneins und unzufrieden geworden. Den Zwist konnte man beilegen, so dass alle friedlich miteinander aufstanden und heimgehen wollten.

Als sie aber vor das Pfeifertor hinaus zum Schönen Brunnen kamen, wurden die beiden oben Genannten wiedrum uneins, "da dann ein Streich umb den andern gangen so lang und viel, bis der Entleibte (Lor. Poser) also beschädigt worden, dass er verschienenen (vergangenen) Mittwoch (4. Juli) sein Leben darüber geben und lassen müssen". Die Behandlung durch den Barbierer hatte keinen Erfolg. Man fragt sich

1. warum die Anwesenden nicht eingegriffen, um das Unglück zu verhüten,

2. kann man meinen, dass sie alle wie so oft voll gewesen die Zechschuld spricht dafür und man muss mit Verwunderung

3. feststellen, dass sie zur Firmung auch mit Waffen gegangen waren!

Das Bittgesuch an den Fürstbischof beschönigt nicht etwa den Totschlag, der wird als solcher zugegeben, sondern es drehte sich um die Erbauseinandersetzungen zwischen dem Täter und seinen Geschwistern, deren Erbe man vor der Beschlagnahme zu retten sucht.

Das nicht minder schreckliche Gegenstück aus dem Jahre 1717 erwähnt Martinet, dass "sich zu Gaustadt der Student Holzmann von Bamberg entleibt habe. Das ist mit den Worten des Badergesellen Michael Bratel beim Steinwegbader zu Bamberg in Diensten, wie folgt, richtig zu stellen: Er nebst noch einer Person seien gestern (25. Juli 1717, einem Sonntag) nach 2 Uhr in einem Schelch nach Bischberg gefahren. Da sei Christoph Keipper als dieser Sach Täter zu Land mit einem andern auch nach Bischberg gangen, wo dann ihrer zehn miteinander getrunken und gegen 7 Uhr sämtlich gegen Gaustadt gangen, wo sie daselbst im (spitälischen) Wirtshaus einen Krug Bier haben geben lassen. Des Täters Gevatter aber nebst seinen Eltern hätten ein Glas Wein einschenken lassen, wobei Täter und Getöteter einander herzlich geliebet, gedrucket und umhalset und wegen ihrer Degen, deren der Täter einen neuen gehabt, zu Gspräch kommen und inteinander auffen Platz gangen, die Degen gezogen und miteinander gefochten. Plötzlich sei der Täter in die Stuben geloffen und ihn gebeten hinauszugehen und (zu) verbinden, worauf er sogleich dem Blessierten den Rock und Camisol aufgerissen, das Hemd aufgeschnitten, wo das Blut häufig herausgeflossen. Der Gestoßene seie sogleich ohnmächtig worden, ohnweit allda ein Minorit hinzugerufen worden. Er habe den Patienten verbunden, der aber etwa in 1/4 Stund data absolutione generali (nach empfangener Generalabsolution) Todes verblichen, der Täter hingegen immer geschrien: "Um Gottes Willen, um Gottes Willen!" da er gesehen, dass er wirklich tot sei, hätt er lang geschrien, als er sich gegen Bamberg gesetzt: "Ach, lieber Bruder Holtzmann!" den Toten meinend.

Es mag erlaubt sein, die verwickelten rechtlichen Verhältnisse und das damit verknüpfte Gerichtsverfahren näher auszuführen, indem die Tat unzweifelhaft auf klösterlichem Boden geschah, bei einem Mord aber nicht das Michelsberger Pfortengericht, sondern das Bamberger Centgericht zuständig war. Am Sonntag, den 25. Juli 1717 war die schreckliche Tat geschehen, am 28. Juli zeigte das Kloster pflichtgemäß bei der Cent an, dass zu Gaustadt von einem Studenten Keipper ein anderer Student namens Benedikt Holtzmann "in der fünften Schul« erstochen und von ihm das "Leibzeichen" genommen worden sei. Dies Leibzeichen war entweder ein Teil des Körpers z. B. eine abgehauene Hand oder ein Stück vom Gewand des Ermordeten, das vor Gericht die Tat bezeugte und den Getöteten sinnbildlich vertrat. Das Kloster fragte zugleich an, wo man die Leiche, die auf dem Kloster lag, extradieren (aushändigen) oder sie nach St. Gertraud, eine heute infolge des Durchstichs von der Sophienbrücke zum Bahnhof verschwundene Kapelle, zur Beerdigung bringen sollte ". Man sollte meinen, diese berechtigten Fragen wären einfach zu beantworten gewesen, man lebte aber damals in der vielgerühmten Schönborrizeit, in der die Bamberger Regierung die herkömmlichen Rechte der im Hochstift vorhandenen Klöster und ritterschaftlichen Güter zu beschneiden wenn möglich zu beseitigen suchte. So erging von der Bamberger Regierung der im Malefizbuch niedergeschriebene Beschluss, dass man dem Kloster weder die Beschlagnahme und Auslieferung der Leiche noch weniger das Nehmen des Leibzeichens gestatten könne. Das war wider Herkommen und Reche. Sondern der Bamberger Oberschultheiß solle einfach durch den Unterschultheißen die Leiche fordern, durch die Centschöffen und geschworenen Bader das Leibzeichen nehmen, dann die Leiche visitieren und schließlich der zuständigen Pfarrei überlassen

Daraufhin fiel der Hauptmann Stangenberger "mit ziemlicher Mannschaft" in das Kloster ein und bemächtigte sich der Leiche und des Leibzeichens.

Am Samstag, den 31. Juli meldete dann der Centrichter, dass das Attestatum chirurgorum, der Untersuchungsbericht der Bader, vorliege, wie die Wunde befunden worden sei, und dass man die Leiche zur Beerdigung freigegeben habe. Soweit entsprach ungefähr das Verfahren dem noch heute üblichen Vorschriften bei einem Mord ".

Den Einfall des Hauptmannes Stangenberger konnte das Kloster keinesfalls hinnehmen. Am 4. August protestierte es wegen dieser Gewalttätligkeit und verwies auf den bisher geübten Brauch, in solchen Fällen die Leiche am Pfeufertor (bei der Einmündung des vom Kloster kommenden Weges in die Schweinfurter Straße) in herkömmlicher feierlicher Form dem Centrichter zu übergeben. Gleichzeitig versäumte man nicht, einige Beispiele der jüngsten Zeit zum Beweis des klösterlichen Rechts anzuführen. Das Kloster weigerte sich deswegen auch, die angefallenen Kosten für den Einfall zu bezahlen. Umgekehrt forderte es die Entschädigung für die bei der Überführung und Bewachung der Leiche entstandenen Unkosten und bat um eine Bestätigung des bisher geübten Verfahrens

Fast ein halbes Jahr nach dem Tode Holtzmanns, am 15. November 1717 bitten der Totengräber Paul Fein in Bamberg und Michael Munich zu Gaustadt das Bamberger Malefizamt zu veranlassen, dass es ihnen einstweilen ihre zustehenden Gebühren auszahle. Seltsamer Weise lassen die Malefizbücher nichts über eine Verfolgung des Täters Keipper verlauten vom Täter und seiner Sippe zur blösung eines gerichtlichen Verfahrens ein Sühnegeld verlangen konnten. Man kann verstehen, dass z. B. einer Witwe mit Kindern nicht mit einer Bestrafung des Täters, wohl aber mit einer Geldentschädigung besser gedient war. So wurde am 6. Februar 1609 dem Hans Truck, den beiden Hans Krausen und Franz Mathes die Bezahlung des auferlegten Abtrags von 300 Gulden auferlegt.

Als Georg Winkler, Lobt genannt, und Georg Müller genannt Böltzlein, beide von Gaustadt, 1605 von Bamberg heimwärts gingen, beide "nit ohne einen Trunk gehabt", kamen sie mit Worten aneinander und dann "zu Streichen", so dass Müller den Winkler mit einer Barten an der Stirn so getroffen, dass er ihm "einen Spreißel von der Hirnschale in das Hirn geschlagen" und er über 12 Tage verschieden. Der Täter floh. Die Witwe des Ermordeten bat, den Böltzlein, "der sich in den nächsten Stauden herum aufhalte", zu ergreifen und zur Strafe zu ziehen. Nach einer Klage beim Landgericht kommt es zu einer gütlichen Übereinkunft, nach der er an die Witwe 100 Gulden zahlt.

Obiger Bericht des Badergesellen gibt Veranlassung, kurz auf die Stellung der Bader einzugehen. Gaustadt besaß keine Badestube, darum auch keinen Bader; die Gaustadter gingen, wie wir wissen, nach Bamberg ins Bad. Da aber damals der Bader zugleich als Arzt besonders als Chirurg sich betätigte, holte man ihn bei Krankheiten und Verwundungen. Neben dem Bader standen jedoch als selbstständige Meister die Barbierer. Hören wir die Volksmeinung über beide: 1593 war Heinz Hoffman in Gaustadt bei einem der üblichen Händel verwundet worden. Da wollte ihn der Nedler zu den Badern am Sand führen, damit sie ihn verbänden. Der Schilher aber sprach, die Bader seien grob und könnten ihn verkürzen (?); es wäre besser, man fahre ihn zu Meister Niclas Barbierer. Der verbände ihn vielleicht ein oder dreimal um Gottes willen (umsonst); das war aber durchaus nicht der Fall . 1595 klagte der Bader bei St. Jakob gegen den Schneider Hans Resch zu Gaustadt um Bezahlung, nachdem er dessen Weib geheilt hatte. Aus den Kostenrechnungen ergibt sich, dass man gelegentlich auch einen Verwundeten bei einem Bader untergebracht hatte, so dass man schon von einer Art Klinik reden kann.

Vom 10. März 1716 ist der Eintrag datiert: "Auf Anzeig des Schultheißen Endres Ziegler wegen angegebener verdächtiger Krankheit wurde Besichtigung eingenommen durdi des Closters bestellten Barbier in Beisein des Canzlei Deputierten bei Ernst Sturm; wurde aber gefunden, dass die imputierte (vermutete) Lues venerea (Syphilis) nicht angetroffen wäre, daher denn auch selbiger bei voriger Conversation (Umgang mit den Dorfgenossen) gelassen worden".

Über die damals mögliche "Bereinigung" eines Totschlags gibt folgender Fall Aufschluss: Am 9. September 1608 war zu Gaustadt zwischen Hans Kraus dem älteren, Hans Kraus dem jüngeren, Hans Truck seinerseits und Franz Mathes, welschem Krämer zu Bamberg, andererseits eine Schlägerei entstanden. Dabei hatte Hans Weickhard, Pfeufer genannt, die Streitenden trennen wollen, aber von Mathes einen Stich in die Brust erhalten, dass er hinfiel und bald verschied. Er wurde besichtigt, es wurde das Leibzeichen genommen, die drei Gaustatter aber nach Bamberg ins Lochhaus geführt d. h. verhaftet. Weil nun des ermordeten Weickhard hinterlassene Witwe in einer Bittschrift an das Malefizgericht, dorn der Täter überstellt war, von Mathes 300 Gulden zu einem bürgerlichen "Abtrag" (Entschädigung) begehrte, wurde eine Tagesfahrt angesetzt, und ein Vergleich getroffen. Nun muss man wissen, dass damals die Angehörigen des Ermordeten.