Home | Gaustadt | Bürgerverein | Presse | Vereine | Kirchen | Parteien | Institutionen | Firmen | Kontakt
  Druckversion   Seite versenden

Volkstümlicher Glaube, Umgangsformen und Sprache

Über das Verhältnis, besser das Verhalten zu Kirche und Gottesdienst war aus den in diesen Seiten benutzten Quellen wenig zu erfahren. Es wurde oben bei der kirchlichen Obrigkeit bereits verwertet. Neben den kirchlichen Glaubenssätzen z. T. im Gegensatz zu ihnen lebten aber im Volke Vorstellungen, die das Denken des Volkes immer beschäftigten und auf sein Handeln nicht ohne Einfluss blieben.

Das ist vor allem der Glaube, dass man selbst, die Angehörigen, das Vieh, ja selbst die Arbeit geschädigt werden könne. Diese Fähigkeiten schrieb man bekanntlich den Hexen oder Druden zu. Hans Klöber klagte 1550 gegen Jörg Hoffman, Schultheiß zu Gaustadt, weil er gesagt habe, seine nächsten Nachbarn hätten ihm das angetan, dass er krank worden sei, und er, Jörg Hoffman, habe seine Krankheit an Klöbers Hochzeit gegessen und getrunken . Der beschuldigte Schultheiß berief sich vor Gericht auf die Wahrsagerin, die ihm solches verkündet. Hier haben wir gleich zwei volkstümliche Vorstellungen, einmal den Glauben an den bösen Nachbarn, der einem etwas "antun" könne, und den ebenso unausrottbaren Glauben an die Wahrsagerin, die weise Frau. Sie selbst bleibt freilich namenlos, ungenannt auch ihr Wohnort.

Eine Klage besonderer Art bringen Albert Lunkenbein und seine Muhme (Tante) Catherina Kuntzelmann gegen Gg. Stürmer vor. Sie wehren sich, dass die genannte Frau, wie Stürmer behauptet hatte, seinem Bruder die "Mannschaft", "Stärke" ist durchstrichen, genommen habe. Stürmer habe in der Kuntzelmann Haus gedroht, sie solle entweder Lunkenbeins Bruder gesund machen oder gar sterben.

Wenn man einem anderen z. B. an seinem Vieh Schaden zufügen wolle, dann benötige man nach dem Volksglauben irgendeinen Gegenstand, der mit dem Vieh in Verbindung stand. "Was diesfalls die allgemeine Opinion, dass nämlich, wo der Strick der Kuh nicht erfolgte (nicht ausgefolgt wurde), die Nutzung derselben gesperrt werde", d. h. dass man keinen Nutzen von der Kuh haben könne.

Diese allgemeine Meinung findet sich 1641 gewissermaßen als Ergebnis der Klage, die Kungund Steger auf dem Kaulberg gegen Ursula Hebeysen, des Hürtens (Hirten) Weib zu Gaustadt anstrengte. Die letztere hatte der Stegerin eine Bestandkuh überlassen d. h. zur Ernährung und Nutzung überlassen. Als diese die Kuh nach Ablauf des Bestandes zurückgab, wollte sie den Strick, an dem die Kuh angebunden war, nicht aushändigen, richtiger, sie händigte ihn nicht aus. In Gaustadt angekommen, habe die Hebeysin die Klägerin "expresse bezichtigt, weilen sie ihr den Strick zu der Kuh nicht gegeben, habe sie ihr die Nutzung derselben entziehen wollen".

Sie, die Klägerin, habe Zeit ihres Lebens niemals ein Vieh gehabt und niemals etwas von solchen Teufelskünsten gehört . Die Hirtin wurde mit der Pfeifen gestraft.

Noch im Jahre 1800 verklagte die Witwe Kungund Sauer die Frau des Schusters Möhrlein, weil diese sie eine Hexe genannt habe. Die Schusterin brachte zu ihrer Entschuldigung vor, sie beide seien wegen einer Graserei "hintereinander" gekommen. Da sie nun hernach nichts mehr ausrühren konnte, d. h. da ihre Milch nicht butterte, sei sie freilich auf den Gedanken gekommen, die Sauerin habe ihr aus Leidenschaft mit Hexerei zu schaden gesucht.

Die Frauen können indes nicht nur hexen, sondern auch heilen. Kungund Bußlerin am Sand zu Bamberg verklagte 1496 Fritz Zolner zu Gaustadt, weil sie ihm Kräuter übergeschlagen (gebät) und "erznelt" (Arznei gegeben), wofür er ihr 60 Pfennige schulde. Auch die Frau des Kilian Volcker bezahle nicht; diese habe sie sogar in ihren Ehren entsetzt, indem sie von ihr sagte, "wie sie eine alte Zauberin sei".

Von den Vorwürfen, eine Hexe oder Zauberin zu sein, ist es nicht weit zu anderen Beschimpfungen. Die umfangreiche Liste derartiger beleidigender Ausdrücke verteilt sich der Zahl nach wohl gleichmäßig auf beide Geschlechter, dem "Gewichte" nach freilich sind die Männer den Frauen nicht gewachsen. Bei den Männern kann man oft wenigstens den alkoholischen Zustand als Entschuldigung anführen, bei den Frauen genügt die Gegenwart einer missliebigen Nachbarin, sogar eine ungewollte Berührung, um den Zorn und die zornige Rede hervorzurufen. Beim Gerichtswesen wurde schon gezeigt, wie man berechtigte und oft unberechtigte Vorwürfe erhob, der oder die habe gestohlen, geschlagen, verwundet oder auf des nächsten Feld gegrast; selbst Tote wurden da nicht geschont. Als die Engel (Agnes) Pangratzin den Herman Linßner antraf, als er die Holzbirnen, die sie von der Gemeinde ersteigert hatte, schüttelte und aufhob, da warnte sie ihn: Es könne ihm gehen wie dem Eichelberger, der der Gemeinde Gut zu Gaustadt eingezogen (genommen), der, als er am Totenbett gelegen sei, gewinselt habe und kaum ersterben noch genesen konnte. Auch da seine Kinder in Todesnöten gelegen, hätten sie alle "gepult" (geheult) und geschrien wie die Ochsen. Die Eichelbergerin klagte 1497 wegen dieser Rede, dass die Pangratzin ihren Hauswirt geschmäht und "geschent" habe. Nach der Volksmeinung drückt eben das ungerechte Gut, das nicht zurückgegeben ist, den Sterbenden so, dass er keine Ruhe finde. Man könnte zwar die einzelnen Ausdrücke des Unmuts, des Zorns usw. nebeneinander stellen; es scheint aber wirksamer zu sein, sie im Rahmen des Geschehens zu belassen, weil man dann die Veranlassung und Wirkung recht erkennen kann.

Für die Augenblicke der Verärgerung stehen als erste Äußerungen der Gemütsbewegung gewisse, man kann sagen, feststehende, allgemein passende Ausdrücke zur Verfügung: Beiden Männern z.B. Bösewicht, der verstärkt werden kann, mit „geheint“, vielleicht das gleiche, wie „verheit". Das ehrlos, heimtükisch bedeutet. Beide Eigenschaften können natürlich auch bei anderen Vorwürfen z. B. Dieb vorkommen. Da findet einige und zornige Worte, da wird aus zornigem Gemüt geflucht und ein unerhört Unzucht mit Fluchen und Gottes Lesterung getrieben, der Hans Weicker z. B. hat "hunderttausend Sakramenter" geflucht. Hans Stürmer wurde wegen einer Strohgeschichte beschuldigt und gleich hieß er Strohlein, auch verheyter. "Mauser" wird den Dieb bedeuten; heute noch heißt mausen soviel wie stehlen. Starke Beleidigungen sind verheiter Schalk und "geheiter Mörders Böswicht. Schelm, ursprünglich soviel wie Seuche oder Aas, wird mit Dieb verbunden und mit "los" verstärkt, das selbst einst durchtrieben, frech meinte, ein loser Diebschelm! Unter "Schmorotzer", heute Schmarotzer, verstand man einst soviel wie Bettler und wirkte deswegen beleidigend und herabsetzend. Einen heuchlerischen Schmeichler oder heimlichen Verleumder soll man einen Fuchsschwenzer geheißen haben. Hundsfott ist heute noch lebendig, wieso aber Suppenfresser beleidigte, bleibt unklar. Diese Ausdrücke erscheinen immer wieder, sie gehören und dienen zum augenblicklichen Gebrauch und zur ersten Abwehr. Georg Roth, spitälischer Untertan, verantwortete sich 1669, weil er Lor. Herrimeter und Hans Vogel auf dem Gemeinhaus mit ehrenrührigen Worten angegangen, nichts anderes gesagt zu haben, als, da der Handschuh sein Lachen beredet, er ihn einen großgemäuleten Handschuh geheißen habe und "dass ein Weil nit der Gebrauch gewesen, dass sich junge Männer wie der Vogel und Handschuh an den also guten Herrentisch gesetzt, welches sie ihm hingegen übel auf benommen und ihn der Martin Sauer einen Hundsfott gescholten. Diese Schimpfworte erscheinen trotz allem noch erträglich. Als aber 1551 der uns schon bekannte Jos. Kerslein die zwei Buben Jörg und Hans Löhr zu ihrem Vater über seine Wiese reiten sah, da hat er "sehr geflucht und böse Worte betrieben, auch letztlich, mit Züchten zu melden, das Gesäß in Hosen hinabgestreift, mit beiden Fäusten in die Arsbacken gefallen, die aufgezerrt und sie beide in Ars sehen lassen. Und sie also verspott und veracht" . Der Vater Löhr hielt sich diesem ordinären Verhalten gegenüber würdig "Das steht keinem Frommen (Ehrbaren, Angesehenen), sondern einem Buben zu.

Und ähnlich ordinär ging es zu, als im gleichen Jahr die Magdalena Schneiderin im Holz nach "Strai" ging; da habe sie Hans Stretz angeredet "Du Sakramentshur, du hast drei Hurenkinder gehabt". Da habe sie zur Rettung ihrer Ehren geantwortet, "er löge wie ein verzweifelter Böswicht". Als Stretz sie sogar verwundet, hat sie zu Recht geboten" (ihm Gericht angedroht), "hat er gesagt, mit gonst (Gunst) zu melden, er schisse den Herrn in ihr Gericht" '.

Zu obigem Böswicht einen anderen: in einem Streit, der 1504 in einem Wettlauf zwischen Mathes Horlender und Stürmer ausging, habe Cuntz Stretz auf seiner Wiese dem Stürmer "Heyl geboten", Horlender aber schrie dem Stürmer nach: "Du verheyter Bößwicht.

Der übliche beleidigende Ausdruck für eine Frau war Hure. Auch da gab es verstärkende Beiwörter. Hans Linßner hieß die Frau des Craft Hoffman "ein geheinde große Sachshuren", wobei Sack allein schon eine Beleidigung für den Mann darstellt. Und der Gaustadter Hirte verstieg sich zu der uns unverständlichen "abgeheiten zitterseicheten Huren" (1498) .

Diese anrüchigen Auslassungen findet man bei den Männern seltener. Es scheint, der gesetzte, behäbige Bauer hielt auf Anstand und bewahrte wenigstens im nüchternen Zustand Haltung, so jähzornig er sonst sein konnte. Gerichtsbekannten Persönlichkeiten wie dem Kerslein oder Kohlmann standen sie zu. Der erste arbeitete ja auch als Dachdecker, der zweite als Schneider, der Hirte gehörte sicher zu den ärmsten im Dorfe und hatte schon deshalb geringeres Ansehen.

Unter den Frauen gebrauchte man gegenseitig nur ein Schimpfwort, Hure. Glücklich diejenige, die bei einer Auseinandersetzung als erste damit zum Zuge kam. Es gab natürlich auch hier ausdrucksvolle Beifügungen von Eigenschaftswörtern. Darum stellt es geradezu eine Ausnahme dar, wenn 1503 Els Linßnerin zur Margaret Kneußin (Knauß) sagt, sie wäre eine "herkomene Frawe und wer (wäre) sie from (rechtschaffen), so wer sie nit hierherkomen". Man spricht ja auch heute noch von einer "hergelaufenen" oder "hereingeschmeckten" Frau, wenn ein Mädchen in ein anderes Dorf oder in die Stadt heiratet. Im obigen Fall liegt sicher eine uns verborgene Anspielung geringschätziger Art vor.

Els, nicht Margaret verlangt ja, man gebe ihr die Ehre wieder "mit dem geliede (Gliede), damit sie ihr die genomen hab" .

Diese Formel findet sich öfters bei Verleumdungen. Neben dem einfachen Schimpfwort, das keines Beleges bedarf, stehen Zusammensetzungen, so wenn Hans Stürmers Frau 1495 ein "Hurenkind" genannt wird, nachdem sie "ernstlich gesagt, jene sei in einem Hurensack gelegen"'. Für den ersten Ausdruck. findet sich 1518 "Du bist ein bänkleins Kind" (Bank, Bänklein, zu dem ja unser Bankert gehört, und erweitert fällt bei dem Vorwurf, dass man Hühner" mit stricken und angeln abfahe", der Ausdruck von einem "ausgeschütteten Hurenkind « .

Der malerische und plastische Überschwang des Barock zeigt sich auch in der Häufung der Schimpfwörter. jede Zeit hat auch darin ihre Lieblinge wie in der Zusammenstellung "Hur, Hex und Läusmacherin" von 1658, die noch überboten wird durch die Vorwürfe, die Konrad Krugs Ehefrau von ihrer Schwiegermutter hören musste, sie sei eine "hechserin, trudnerin, leußmacherin und fieberanhängerin" (1692). Die letzten Ausdrücke bezeugen wieder den Glauben an die "Kunst, einem andern Läuse oder Krankheiten (Fieber) anmachen zu können und gehören damit zum volkstümlichen Glauben.

Da waren einst (1500) der Anna Linßnerin Gänse in das Gerstenfeld Craft Hoffmans geraten. Deswegen kam es, wie zu erwarten, zwischen der Linßnerin und Hoffmans Frau, die Katharina Krefftin (Kraft) genannt wird, zu einer Aussprache "mit vill üppigen worten". Die Zeugenaussagen im Für die Augen-blicke der Verärgerung, der Aufregung stehen als erste Äußerungen der Gemütsbewegung gewisse, man kann sagen feststehende, allgemein passende Ausdrücke zur Verfügung: bei den Männern z. B. Böswicht, der verstärkt werden kann mit "geheint", vielleicht das gleiche wie "verheit, das ehrlos, heimtückisch bedeutet. Beide Eigenschaftswörter können Beleidigungsverfahren geben aufschlußreiche Les oder vielmehr Hörarten des Geschehens z. B. "Schlag der tewfel zu dir und deiner gersten, du geheins gewfer(Geifer )maul", "ausgeschütte rockeleins hur und fleck", "du fleschhur, gehe hin und recht mit dem rockelein".. Die Bedeutung des letzten Wortes ist unklar. Schlimm wird es, wenn zwei verfeindete Weiber nahe beieinander sein müssen, z. B. auf dem Schelch bei der Überfahrt Margaret und Kungund Stürmerin. Als sie aus dem Achen (Nachen) gestiegen waren, und die eine von einer "geheinden sachshuren« sprach, hat die andere "sie in den ars sehen lassen“, worauf die erste versetzte, sie "habe keiner fromen Frau nie in ars gesehen, sondern einer sachshuren". Vor Gericht freilich bestritt die eine, dass sie "den Ars gein ihr aufgedeckt hat«. Bei einer ebensolchen Fahrt hatte eine die andere nur "gestraft« (gestreift), hat Loherin in Arsch griffen, des sie, die junge Linßnerin,sich geschembt".

Dazu kommt natürlich noch die Ladung auf die Kirchweih z. B. in mundartlicher Färbung "sie soll sie im marsch lecken" (1608) ". Als Beispiel, wie man diese anstößige Rede umschreiben konnte, diene der Bericht: "Sie aber hatte den Rock aufgehoben und gesagt: "Leusmacherin, gehe her und küß mich hinten!" Das war die feinere Einladung der Margarete Ammanin. Der Cameraische Verwalter in Stegaurach vermag es1670 noch verhüllter auszudrücken in seinem Bericht, dass einer "Mit den hässlichsten Posturen und Gestibus sich zeigte, indem er mit der Hand auf seinen unhöflichen Ort schlug". Diese angeführten Proben werden zur Überzeugung genügen, wie allgemein diese schamlosen Redensarten waren; aber sie stellten immerhin Beleidigungen dar, sie wurden nicht als abgegriffene Worte empfunden, wie es mancher deswegen Belangter später als Ausrede gebrauchte.

Gerade in diesen Schimpfworten treten uns alte Sprachformen wie Schmarotze, vergessene Worte wie verheit oder pulen, bullen oder Bedeutungswandlungen wie in fromm, vrum entgegen. Hier sei auch der Ausdruck der Überraschung, auch des Unwillens oder Widerspruchs angeführt, der unterging.

Als sich 1541 Hans Hoffmann bei Hans Stürmer und anderen beschwerte, dass man seine Kinder geschlagen habe, sagte Stürmer: "Gots wunder, lieber, wenn du deiner kinder sorge hast (um deine Kinder Sorge hast), so sperre sie ein und tue sie gleich in einen saustall". Darauf Hoffman "Schendt dich selbs gots wunder! (Gottes Wunder mögen dich zu Schanden machen!) Dabei wird oft der Name Gottes verhüllend in "Botz" verwandelt: "Dass dich bots fünf wunden schent (1445) ". Dabei sind wir bei sprachlichen Erscheinungen im engeren Sinn angelangt. Diese lassen sich wieder gliedern in Formen und Wörter, die in die Vergangenheit oder in die Zukunft weisen. Unter den ersten begreife ich im wesentlichen Wörter, die schon damals selten, meist nur in formelhaften Endungen weiterlebten und heute vergessen sind. Die zweite Gruppe soll die Beispiele bringen, die auf mundartlichen Erscheinungen beruhen.

Die meisten der hier gebrachten Belege stammen aus den sog. Gerichtsbüchern. Diese beginnen in den 30er Jahren des 15. Jahrhunderts. In ihrer langen Reihe lässt sich eine belangreiche Entwicklung feststellen. Die ersten Niederschriften zeigen in flüchtiger Schrift mit zahlreichen Abkürzungen kurze Betreffe der eingegangenen Klagen und knappe Urteile. Sie stellen offensichtlich Niederschriften während der Verhandlung dar. Die späteren Protokolle weisen eine sorgfältige Schrift auf, die einzelnen Klagesätze, Einreden, Zeugenaussagen und Urteile sind je später desto ausführlicher. Man verfasste sie sichtlich nach dem Konzept auf der Kanzlei, wo man sie rein schrieb. Gelegentlich lässt sich auch ein Schreiber als ein Fremder erkennen.

Damit erhebt sich die Frage, inwieweit diese Texte als zuverlässige Zeugnisse für die einheimische Mundart gewertet werden dürfen. Die Darstellung zeigt überwiegend kurze Hauptsätze mit eingestreuten Nebensätzen. Als Probe diene der Anfang der Zeugenaussage der Margaret Feinbewerin vom 6. Juli 1497: "Cunz Stürmers tochter sei von ir auch anderwegen, sie überzuführen, gebeten worden. Des sie getan und als sie zum land komen, were Kun Tobitschin, die sich versäumt und hernach komen und gesagt, warum sie sie nit auch zu in hinein in achen lassen wollen. Hete sie ir geantwort, der ach (Nachen) wer swere genug gewest, hette sie hinweg heißen, wann (da) hinüber sie alle zu führen nit schuldig were" ".

Man wird wohl in diesen Sätzen die ordnende Hand des Kanzlisten erkennen, der unter möglichster Beibehaltung der Worte die Breite einer bäuerlichen Erzählung wohltuend knapp zusammenfasste, so dass er bei "sie oder "er" gelegentlich "Sager" = Zeuge einfügen musste, um Missverständnisse zu vermeiden. Demnach dürfen wir im allgemeinen den Ausdruck als ursprünglich, insbesondere ausgefallene Worte, vor allem wenn sie prozesswichtig waren, als echt und zuverlässig ansehen.

Als am 9. Juni 1498 die Gaustadter "aus Gebot und Geheiß der Gemein" gearbeitet und nachmals zum Brunnen im Dorf auch auf Gebot und Geheiß kamen, machte Hans Riegel den Vorschlag, die Hege aufzuteilen. Wir haben also eine Beratung unter der Dorflinde vor uns. Da kam es zu einem Wortwechsel zwischen Riegel und dem Hirten; dieser war dagegen, weil ihm dadurch sein Weidegebiet genommen worden wäre. Dabei sagte Riegel, der Hirte sei "freydig" gegen ihn d. h. in diesem Zusammenhang soviel wie widerspenstig, widersprechend. Schließlich schlägt Riegel den Hirten "Mit einem hauenhelb über den grint d. h. mit dem Helm (Stiel) einer Haue, Hacke über den Kopf. Grint steht hier verächtlich für den Schädel.

Am Oberstentag (Dreikönig) zu Nacht 1509 saßen Cuntz Stürmer und Hans Linsner an einer Zeche; da sei ersterer "schellig" worden d. h. zornig und habe vom Leder gezogen. Oder Cunz Linsner hat 1502 einen Acker "des jars viermal gearn" d. h. geackert.

Am 6. August 1720 beklagte sich Adam Hoffmann, neu angeworbener Dragoner unter Seiner Durchlaucht Prinz Eugen Leibregiment, wider Andreas Bauer, dass ihm dieser am verflossenen Sonntagabend (4. August) imspitälischen Wirtshaus ein Halbseidleinskrüglein ins Gesicht geschlagen. Aus der genauen Angabe seines Regiments dürfen wir auf den Stolz des jungen Soldaten schließen, der eine solche Beschimpfung nicht hinnehmen kann.

1520 klagt Hans Meister den Hans Kraus an. Er sei kürzlich bei ihm gewesen und habe Geld von ihm verlangt.

Als er, Meister, aus seinem Stadel in das Haus gegangen sei, habe Kraus aus seinem "Wetschka", den er dort habe liegen lassen, einen Gulden genommen. Wetschka entspricht dem alten Wort Wetzger, Wetzker, das nach den Wörterbüchern Reisetasche, Felleisen bedeutet. Hier mag wohl eine Geldtasche oder Geldbeutel gemeint sein. Um auszudrücken, dass eine Angelegenheit z. B. ein Kauf endlich abgeschlossen wird, heißt es 1516 "Er . . . hett dem Kind ein sele (eine Seele) gemacht, den Kauf umb 60 fl. gemacht".

Alte Worte erhielten sich auch in Verwünschungen. Dem Herman Linßner entfuhren gegenüber der Frau des Craft Hoffmann die Worte: " . . . und sollt ir Gott den dropfen (Schlaganfall, Apoplexia) und parles Caralysis (Gicht), geben und haben (1497).

Weil Craft Hoffmans Hund das Kalb des Herman Linsner jagte, fluchte dieser, der Hund "müst einmal ein jhe (Gift) fressen", worauf die Creftin über ihren Zaun "dem Linßner die diüß (Pest) auf sein breites maul geflucht« . Die Els Zollnerin wurde 1501 beschuldigt, einen "peltner" (Behälter?) aufgebrochen zu haben ". Von einer Magd heißt es 1542, sie "sei des Krausen geprotter ehehalt nit d. h. sie stehe nicht im Brot des Kraus als Dienstbote".

Oben wurde schon erwähnt, dass die Form Achen für Nachen stehe auch Ache, also Verlust des anlautenden N. 1566 wurde von beiden Parteien einer Klage die "güdi" (Aussage) begehrt ".

An auffälligen Ausdrücken seien angeführt: Wenn ein Witwer von einer Witwe ist es nicht nachzuweisen sich wieder verheiratet, dann verruckt er seinen Witwenstuhl" "An einem kalten Eisen ersticken« heißt soviel wie jemanden erstechen. Die Schriftsätze der Anwälte bringen gerne volkstümliche Redensarten z. B. "dass der Kläger die verhörte Kundschaft (Zeugenaussage) mit aufgemutzten leeren Fürbringen (Angaben) wie eine wid iserne (aus Wachs) Nasen zu seinem Vorteil ziehen will". Oder Hans Kraus ist mit Jaulen Fischen und erdichteten Märlein (meherlein, vgl. Merleinsträger) umgangen " Von einem Zeugnis heißt es, es gelte "soviel als zu Speyer eine Nuß" (am Reichskammergericht!). Auch wird schon im Gegensatz zu den Armen von den "reichen-Hansen" gesprochen ". In dem Vorwort des Gerichtsbuches von 1479 Nr. 353) trug der Schreiber B. Deman den Spruch ein: "Ich acht nit, wer die wollen schirt, wann mir nur die wollen wirt d. h. ich achte nicht darauf, wer das Schaf schert, die Arbeit verrichtet, wenn ich nur die Wolle bekomme, den Nutzen habe.

Bei einer Erbteilung zwischen Vater und Kindern 1487 findet sich der Rechtssatz: "Als mancher Mund, als manches Pfund", so viele Personen, so viele Teile ist jemand schwer krank, so dass er nicht vor Gericht erscheinen kann, lautet oft z. B. 1503 die Entschuldigung, er liege in Gottes Gewalt".

Wenn einer 1519 sagte, "die hab er mit einem schrollen von ime (sich) gewisen", so meint er wie heute einen Erdbrocken . Die Jauche heißt 1729 wie jetzt "Miststrutz", 1462 allerdings "strote mit dem öfters vorkommenden Wechsel von u zu o ". Wenn 1444 schon der "Antonius Stametz" genannt wird, oder für Haupt das (Kraut ) hatlein steht, so bezeugen diese Formen schon für diese Zeit die Aussprache des sog. alten ei und au mit a. Umgekehrt verhochdeutschen (vielleicht fremde) Schreiber falsch den Streich (Hieb) mundartlich "Straach mit "Strauch" und 1576 den Magister Martin Hoffmann (den Geschichtsschreiber) mit Magister" 1495 findet sich "trischewfel" = mhd, drischuvel die Türschwelle. Wenn es heißt, er möge "ir ein ebentetsch geben haben«, so wird das wohl einen Schlag bedeuten ".

Völlig unklar bleibt freilich einen stein und vrreitel gesehen" (1500) und "der stein (Markstein!) stee vorn beym vrreitel an dem durlein" (1494) '.

Vielleicht wunderte sich schon mancher Leser über die "falscheen" Formen wie "ein unerhörte Unzucht, der ein mitgesell, auch kein wehr dann ein waidner bei ime gehabt usw. d. h. es fehlen die Endungen z. B. eine, keine. Dieser Mangel ist wohl auf die mundartlichen Formen "a Unzucht, a Mitgesell, ka Wehr, an Waidnec zurückzuführen, wobei die Schreiber einheitlich das "a" durch "ein" ersetzen..