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Pfortengericht

Dem Kloster Michelsberg stand auf seinen Besitzungen die sogenannte niedere Gerichtsbarkeit zu, auch vogteiliche Obrigkeit und Botmäßigkeit genannt, die sich in Gaustadt auf alle Vergehen erstreckte, außer den vier hohen Rügen (Mord, Brand, Raub und Notzucht; gelegentlich auch "Stein und Rain" d. h. Verrücken des Marktsteins), die vom Zehntgericht Bamberg abgeurteilt wurden. Danach ist die Angabe im Realschematismus der Erzdiözese Bamberg zu berichtigen, dass Gaustadt dem Zentgericht Hoheneich unterstanden habe. Das war niemals der Fall.

Da es in Bamberg in einem Raum bei der Klosterpforte abgehalten wurde, nannte man es kurz Pfortengericht. Es war für die in der Nähe Bambergs gelegenen Besitzungen des Klosters zuständig.

Die Richter des Pfortengerichts sind die jeweiligen Vögte des Klosters, unterschiedlich Bürgerliche oder Adelige. Die Schöffen holte man aus der Immunität und aus den umliegenden Michelsberger Dörfern Gaustadt, Viereth, Dörfleins und Oberhaid. Sie fällen das Urteil, ob schuldig oder nicht, der Richter sorgt für Einhaltung des gerichtlichen Verfahrens und verkündet das Urteil. Das äußere Zeichen seiner Gewalt ist der Gerichtsstab. Am Donnerstag nach Conversionis Paull (29. Januar) 1587 wurde der Gerichtsschöffe Endres Kreidtner in Gegenwart Jakob Ayerers, des den Abt vertretenden Anwalts, zu einem Richter installiert und, nachdem er das Juramentum (Eid) getan, überantwortete man ihm den Gerichtsstab..

Als Ottilie Schneiderin von Gaustadt, hinter dem Spital gesessen, den Michelsberger Untertanen Hans Hincker, weil er sie geschlagen, gekratzt, mit Füßen getreten und gerauft hatte, beim Pfortengericht verklagte, erhob der Beschuldigte den Einwand, dass die Schneiderin "diesem Gerichtszwang nicht unterworfen sei. Darauf erkannte das Gericht zu Recht, dass sie "an den Gerichsstab anrühren solle", d. h. das Urteil des Pfortengerichts anerkennen werde. Es war auch etwas anderes möglich . "Weil aber der Beklagte weder Erbe noch Eigen hinter meinem gnädigen Herrn und dem Kloster liegen hat, hat Cunz Kaufmann darauf dem Richter "an die hand an eides statt angerührt".

In älterer Zeit kannte man beim Pfortengericht auch die Eideshelfer, die einem vor Gericht Schwörenden durch ihren Eid helfen sollten. je nach der Schwere des Falles oder dem Werte der Streitsache ließ man einen oder mehrere zu. Sie beschworen nicht die Richtigkeit einer von ihnen wahrgenommenen Tatsache wie heute ein Zeuge, sondern die Glaubwürdigkeit der von ihnen unterstützten Partei. Als Cunz Stürmer 1510 behauptete, Adam Poltz habe ihn verwundet, erging, weil die Tat in der Dunkelheit ohne Zeugen geschehen, der Spruch Getraue Adam Poltz einen Eid zu schwören mit aufgehobenen Fingern und nachfolgenden einem unbeleumundeten Mann (im Gerichtsbuch unterstrichen!), dass er den Kläger nicht verwundet habe, so sei er des Spruches ledig d. h. freigesprochen. Zwischen Irmel Mentlerin und der Geltmannin war es 1454 wegen verwechselter (getauschter) Felder zu einem Prozess gekommen. Ein Urteil war schwierig; die Schöffen hatten schon einen Aufschub eingelegt, um "des Urteils sich zu bedenken«. Schließlich stellten sie der Mentlerin anheim, einen Voreid zu Gott und den Heiligen zu schwören, und nach ihr zwei unbeleumundete Männer ".Voreid bedeutet den Eid, den die Mentlerin vor den Eideshelfern leisten muss.

Ein drittes Beispiel: Es ging um beschädigte Bäume. Dabei heißt es: Getraue der Renner darum zu Gott und den Heiligen schwören einen Voreid und nach ihm sechs unbeleumundete Männer, dass sein Eid rein und nit mein sei, dass er nämlich die übrigen fünf Bäume nicht beschädigt habe, so genieße er des, " d. h. sein Zeugnis werde anerkannt. Man beachte: Wegen einer Wirtshausschlägerei ohne größere Schäden genügt ein Eideshelfer, bei einem Tausch von Ackern verlangt das Gericht schon z w e i und im Falle des Renner, der schon wegen Beschädigung von drei Bäumen verurteilt ist, die von fünf weiteren aber bestreitet, fordern die Schöffen sechs Eideshelfer. Bei ihm steht auch die Formel, dass sein Eid rein sei und nit mein". Bei Frauen ist es in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts üblich, dass sie nicht wie die Männer mit aufgehobenen zwei Fingern, sondern dass sie "mit aufgelegten zweien Fingern auf ihre Brust zu Gott und den Heiligen" ihren Eid leisten. Es mag hier der Platz sein, das damalige Gerichtsverfahren an dem Prozess Heinz Kraus gegen Hs. Keck und Jos. Kerslein darzustellen.

Im Gegensatz zu heute verhandelte man damals größtenteils schriftlich. Daher und wegen der Einmischung von Anwälten mit ihren seitenlangen, manchmal nur Wiederholungen bringenden Schriftsätzen rührt die wie in diesem Fall unglaublich lange Dauer der Prozesse.

Am 7.Dez. 1541 also klagte Heinz Kraus zum ersten Male und bat als "der Rechten unverständig" ihm Augustin Kolb als Warner, Lußner und Beistand zuzulassen. Diese drei Ausdrücke sind wie noch Prokurator Bezeichnungen für den Anwalt. Am 11. Januar 1542 klagte Kraus zum 2. Male. Hier erschienen die Dorfmeister und baten um eine Abschrift der Klage und Bedacht (Bedenkzeit) bis zum nächsten Gericht. Diese Bitte folgte nach jedem eingereichten Schriftsatz. Am 27. Januar erfolgte die dritte Klage und damit erst begann das eigentliche Verfahren ". Diese dreimalige Klage gehörte zur Gerichtsordnung. Als die Dorfmeister baten, die beiden Angeklagten vertreten zu dürfen, erhob der klägerische Anwalt Einspruch. Nach der Erklärung, dass sie von der Mehrheit der Gemeinde gesandt seien, durften sie ihre Gegendarstellung vorlegen. Am 8. Februar übergab Kraus seine "Zurede" ' seine Antwort. Am 1. März stellten die Dorfmeister ihren Prokurator dem Gericht vor. Dieser erklärte, wie damals üblich, dass die Angeklagten das Vorbringen des Klägers gar nicht gestünden, so wie nach amerikanischem Recht der Angeschuldigte bei Beginn des Prozesses erklären kann, er sei nicht schuldig. Es erging der Beschluss, wolle der Kläger seine Behauptungen beweisen, so solle das in sechs Wochen und drei Tagen geschehen. Die (Be )Weisungsartikel, d. h. die Fragen, die in die zu benennenden Zeugen zu stellen seien, sind acht Tage vorher der Gegenpartei auszuhändigen '.

Im Gerichtsprotokoll vom 22. März 1542 finden sich dann die 20 Fragen, mit denen Kraus sein Recht beweisen will. Darauf legten auch Keck und Kerslein ihre Fragestücke vor. Die Zeugen wurden nun nicht wie heute in öffentlicher Sitzung in Gegenwart von Kläger und Beklagtem befragt, sondern sie gaben am 29. und 30. März vor zwei geschworenen Schöffen Antwort und zwar nur auf die gestellten Fragen 12 . Die Zeugenaussagen gingen dann den Parteien schriftlich zu. Darauf erklärten Keck und Kerslein, dass nun sie ihre Zeugen benennen würden; die Frist ist wieder sechs Wochen und drei Tage. Am 26. und 27. Mai wurden dann die Zeugen der Gegenpartei verhört. Nach einer langen Pause baten die Dorfmeister am 25. Okt. 1542, ihre "Exception« zu verlesen, die ihre Einwände gegen die gegnerischen Zeugen und ihre Aussagen brachte. Darauf übergab der Anwalt von Kraus am 13. Dezember seine "Schlussschrift" auf die die Gegner am 17. Januar 1543 antworteten 41 . Trotzdem wurde nochmals eine Schrift und Gegenschrift vorgelegt. Am 7. Mai 1544 erging das Urteil, dass die Beklagten dem Kläger um seiner Klage und der darin vermelten Personen halben nichts schuldig seien. Gerichtskosten und Schäden sind "aus Ursachen gegeneinander kompensiert und aufgehoben" ". So wörtlich im Urteil!

Wenn man heute aus der Rückschau diesen die Gemeinde Gaustadt aufrührenden Prozess betrachtet, so erkennt man ohne weiteres die schweren Nachteile des schriftlichen Gerichtsverfahrens, das den Rechtsweg ungebührlich verlängerte. Wenn man ferner aus der Rückschau die geschichtlichen Unterlagen dieses Prozesses betrachtet, so muss man sich wundern, welch merkwürdige Anschauung über die Hutgerechtigkeiten auf der Hege sich gebildet hatte. Gegenüber dem vor noch nicht 100 Jahren klar ausgesprochenen Recht, dass "alle Welt dort weiden dürfe, suchte die Gemeinde das Recht einzuengen, zunächst zahlenmäßig die Hutberechtigten zu beschränken, dann aber auch örtlich, indem sie einen Teil der Hege mit Zaun und Graben umgibt und nur den Rest den Bambergern und Michelsbergern überlässt. Für die Klage selbst war das nicht von Belang, da sie sich ja nur auf die Tätlichkeiten bei der Pfändung bezog. Dadurch dass das Urteil auch den Beklagten die Bezahlung ihrer Kosten zusprach, brachte es richtig zum Ausdruck, dass beide Teile in Worten und Taten einander nichts nachgaben, dass aber auch Keck und Kerslein sich doch wohl bei der Pfändung gegen die beiden Frauen übernommen hatten. Dies Urteil scheint mir ein schönes Beispiel für die Einsicht und Erfahrung der Schöffen zu sein.

Überhaupt gewinnt man den Eindruck beim Studium der Gerichtsbücher, dass die damaligen Menschen, in unserem Fall die Michelsberger Untertanen, für rechtliche Fragen sehr aufgeschlossen waren oder es werden konnten. Ihr Verhalten vor Gericht bezeugt, wie wohlüberlegt und vorsichtig ihre Antworten gegeben werden.

Ein Zeuge sagte z. B., er habe zwar nicht gesehen, dass Kerslein die Frau des Heinz Kraus mit der Pfanne geschlagen habe, aber ihr Kopftuch sei schwarz gewesen". Hierher gehört auch das "vorsichtige“ –Verhalten, bei beginnenden Schlägereien das Licht zu verlöschen oder die Streitenden aus dem Raum oder dem Haus besonders zur Nachtzeit zu befördern. Mochten sie sich dann weiter verhauen oder gar verwunden, jedenfalls war man der Zeugenschaft und damit der unangenehmen Aufgabe enthoben, gegen Nachbarn, Freunde oder Verwandte aussagen zu müssen.

Die Beispiele dafür mögen das wird ihre Ausführlichkeit entschuldigen zugleich als Sittenbildchen jener Zeit 1543/44 gewertet werden. Hans Kraus also klagt gegen Josef Kerslein, den wir schon vom großen Gemeindeprozess her kennen, wegen schwerer Körperverletzung. Er habe mit den Nachbarn das ist der Ausdruck für die Dorfgenossen in der Gemeinde gearbeitet, wohl gefront, und sie hätten nach solcher Arbeit wie dann der Brauch ist, einen Trunk in Eichelbergers Haus getan. Nach solchem sei der mehrere Teil heimgegangen. Er als Dorfmeister habe sich zu Tisch gesetzt, und der Beklagte Kerslein sei zu ihm gekommen.

Als es in der Stube wegen eines Pferdehandels zu einem Wortwechsel kam, habe der unbeteiligte Kerslein eine "ungefehrliche“ Rede getan, d. h. er habe ungefähr gesagt, "mit Züchten zu meiden, er schisse einem in den Hals, wenn er ein Bier hätte". Nach anderer Darstellung habe Kerslein wegen der Bürgen beim Pferdehandel gesagt, "er wolle es ihm verbürgen und er wolle wohl (mit Züchten zu melden) in die Sach scheißen". Darauf habe der Zeuge Claus Pangratz geantwortet, "er sollt an einen Ort scheißen, do es sich gebührt". Auf jedem Fall war die Lage schmutzig geworden, ja gefährlich, da Pangratz eine Maßkandel (Kanne) ergriff und damit werfen wollte. Als Hans Blümlein, ein anderer Zeuge, das sah, sei er zur Stubentür hinausgeflohen, indem das Licht ausgelöscht worden. Auch Margaret Grünewaldin, Eichelbergers Magd, erklärte, sie sei, als der Hader begonnen, zur Tür hinausgelaufen. Das Ergebnis des Kampfes in der Dunkelheit waren vier Messerstiche in den Rücken des Dorfmeiters, für die er Jos. Kerslein verantwortlich machte.

Ein zweites Beispiel: Ottilie Schneider und ihre Tochter Magdalena, spitälische Untertanen, der Mutter war schon beim Gerichtsstab gedacht worden diese also hörten 1544 nächtlicherweil zweimal das Tor ihrer Scheune, nein des Stadels, aufgehen und "knarzen". Da seien sie nach der Darstellung der Mutter in die Behausung des Hans Hincker gangen und daselbst ihren Sohn und Bruder in der "Helle" gefunden, den sie mit ihnen (sich) nehmen wollten. Als Hincker das gesehen, habe er das Licht ausgelöscht und sei samt seinen Gästen über beide Frauen hergefallen, neben anderem auch mit Füßen getreten, dass sie vier Tage Blut ausgeworfen und sie dann von Gerichts wegen besichtigt worden .

Um dies zu verstehen, muss man wissen: Der junge Schneider, sein Vorname wird nicht genannt, hatte offenbar kein Geld mehr, um beim Wirt Hincker weitertrinken zu können. Nun holten beide, Schneider und Hincker, aus Mutter Schneiders Stadel Getreidegarben, die zur Bezahlung der weiteren Zeche dienen sollten. Man darf sogar annehmen, dass die anderen Gäste das erklärt ihr späteres Eingreifen beim Vertrinken der Garben beteiligt waren. Darauf folgte der Besuch der Wirtschaft durch die Frauen, wo sie den Sohn "mit ihnen nehmen wollten". Dieser »unschuldige", beschönigende Ausdruck läßt nicht erkennen, wie es zum Eingreifen des Wirts kam. Darüber klärt uns der Zeuge Fritz Steffan auf . Die beiden Frauen seien in des Hinckers Haus geloffen, über ihren Sohn und Bruder, der in der Helle (hinter dem Ofen!) stand, hergefallen und sich heftig miteinander hin und hergerissen, so dass Hincker warnen musste: "Reißet ihr den Ofen ein, so werdet ihr mir den bezahlen müssen". Schließlich seien alle drei in die Stuben gefallen und eine Weile einander geschlagen. Da habe er, der Zeuge, das Licht in die Hand genommen und gesehen, wie die übereinander gelegen. Als er das Licht putzen wollte, sei es erloschen. Ein merkwürdiger Zeuge, der bei einem solchen Spektakel das Licht "putzen" will, so dass es ihm ausgeht, und der vom Eingreifen des Wirts und anderer Gäste nichts zu berichten weiß! Hincker wurde zu einer Geldbuße verurteilt.

Man könnte, leicht hingesehen, diese Menschen für prozesssüchtig halten, wenn man nicht doch bei näherer Betrachtung erkennen müsste, dass sie ein ausgeprägtes Ehrgefühl besaßen. Die Zehntbeständner Pick und Günter wurden schon erwähnt, die man Dieb und Schelme genannt hatte, Wenn diese zur Wiederherstellung ihres ehrlichen Namens klagten, damit sie wie der redlich gesprochen würden, so steht dahinter auch die Rücksicht auf das Ehrgefühl ihrer Helfer, die nicht mehr mit ihnen zusammenarbeiten wollten. Oder Hans Stretz klagte gegen Hans Blümlein: Er, der Kläger, habe gelogen "wie ein Böswicht und Strohlein" und er "solle auf den Mönchberg gehen und sich das Gerichtsbuch leihen lassen«. Diese Erinnerung an eine vergangene Strafe nahm Stürmer sehr übel auf; "es gereiche dem Kläger zu großer Schmach und (er) achte solche Schmach auf 100 Gulden" '. Ebensoviel war dem Conz Stürmer seine Ehre wert, als der sattsam bekannte Jos. Kerslein ihn "geschennt und geschmäht" hatte, er, der Stürmer, habe "verdient, dass man ihn an den Galgen henken sollte".

Die Schwere der Beleidigung wurde damals allgemein durch eine nicht gering bemessene Geldsumme ausgedrückt; das Urteil freilich sprach meist nicht den zehnten Teil davon als wirkliche Strafe aus. Natürlich musste sich auch Jörg Kohlmann, Schneider in Gaustadt, 1593 gegen Heinz Stürmer wehren, der die Seinigen Lumpenleute geheißen, die wohl der Teufel nach Gaustadt geführt habe. Er habe sich von Scheßlitz hergelogen und gestohlen.

Als Kohlmann erwiderte, er habe gute Briefe (Leumundzeugnisse), sei dem Stürmer herausgefahren, er scheiß ihm (cuni reverentia) in seine Briefe. Er, Kohlmann, habe mit seinem Hopfen seinen Herrn betrogen, da er den Staudenhopfen ihm gegeben, den besseren verkauft habe. Den Einfluss der Anwälte merkt man nicht nur an der Länge und dem Wortreichtum der Schriftsätze, sondern gelegentlich auch in anspruchsvollen Worten voll Klang wie in der Klage des Heinz Kraus in verdingtem und gehegten Gericht" dabei ist es nichts anderes als das gewohnte Pfortengericht gegen den Jos. Kerslein, dieser habe ihn aus "böshitzigem Vorsatz" geschmäht, dass er dem Kerslein Holz gestohlen habe .

Besonders empfindlich zeigte man sich, wenn es sich um Ruhe und Frieden des Hauses handelte, d. h. wenn einer ungebeten, unfreundlich oder gar gewalttätig in die "vier Pfähle" einbrach. Man nannte das damals Heim oder Haussuchung, wir sprechen von Hausfriedensbruch. Es war dabei nicht einmal notwendig, das Innere des Hauses betreten zu haben, es genügte auch, das Haus beschädigt zu haben. So hatte 1495 Benedic(t) Knaus und Heinz Streit den HansPeter "in seine vier Pfählen mit gewappneter Hand überlaufen und mit einem Stein ihm in seine Behausung geworfen".

Peter klagte vor dem Richter auf dem Mönchsberg und legte den Stein dem Gericht als Beweis vor. Deswegen "büße Knaus mit einem Frevel billig". Frevel ist mehr als ein Vergehen, er wird härter bestraft.

Marx Albert klagte 1500 gegen Kraft Hoffman und Thoman Eichelberger, weil sie sich mit Gewalt bei nächtlicher Weil unterstanden, ihm in seine vier Pfähle zu laufen, ihn darin geschlagen und hinausgefordert. Des nehme er Schaden um 100 Gulden, d. h. so hoch war sein Strafantrag.

Cunz Stürmer klagte 1496 gegen Kungund Stürmerin wegen Hausfriedensbruch. Deren Tochter hatte des Cunzen Sohn in Verdacht, ihr Hühner gestohlen zu haben. Sie stellte ihn darum zur Rede. Darauf sperrte dieser das Haus auf, damit sie sich selbst vom Gegenteil überzeugen könne. Aber sie sei "über das trischewfel (Schwelle) der tür nit kommen, dann ein groß gerümpel dorin gewest". Der Spruch lautete: Kann und getraue sich Kungund Stürmerin Tochter zu Gott und den Heiligen schwören, dass sie Cunzen Stürmer in seinem Haus nicht gechaussucht", so sei sie ihm nichts schuldig". Man erkennt, schon die Überschreitung der Türschwelle hätte den Frevel bedeutet.

Die Strafen für solche Vergehen und Frevel bestanden in schweren Fällen in Geldbußen, von reinen Freiheitsstrafen hören wir selten und aus spätrer Zeit. Als 1689 verschiedene Gemeindemitglieder sich bei dem an eine Dorfversammlung anschließenden Trunk ungebührlich aufgeführt hatten, sollen die Beschuldigten zuerst nach der Dorfordnung mit zwei Gulden bestraft werden, die noch fällige Herrschaftsstrafe lässt ihnen die Wahl, entweder 48 Stunden in den Stock zu gehen oder acht Tage dem Kloster zu fronen; nur der Georg Prechtlein wurde "als Anfänger (Urheber) mit etzlichtägigem Gefängnis abgestraft.

Eine wegen des Ortes zunächst unverständliche Buße wurde 1623 dem Heinz Klöber vom spitälischen Gericht zudiktiert: Weil "er sich so unverschämht bei den Herrn Pflegern verhalten, den Zimmermann geduzt und sonst Mutwillen verübt, ist er in untersten Backofen mit Wasser und Brot gespeist zu werden geschafft worden. Als Albert Möhrlein, spitälischer Wirt, 1734 erklärte, er werde auch bei zehnmaligem Zitieren beim Vorsteher des Spitals nicht erscheinen, wurde er durch den Stadtknecht geholt, ins Lochhaus geführt, "um solcher Frevel willen im untern Backofen drei Stunden lang abzubüßen. Sechs Monate vorher war der gleiche Wirt "mit sechs Stunden im Backofen" gestraft worden. Die verschiedenen Zellen oder "Löcher" im Lochhaus scheinen demnach Namen geführt zu haben.

Nachdem Dorothea Müllerin, spitälische Wirtin, verschiedene Leute über Nacht beherbergte, wodurch sich Leichtfertigkeiten zugetragen, in specie ihre Tochter sich zu solchem Laster gebrauchen ließe, und vor wenigen Tagen Soldaten wiederum da gewesen und auf der Gemein Ungelegenheiten begangen, der Leser wird hinter diesen verhüllenden Worten das Laster erkannt haben hat man die Mutter in den Kerker oder die sog. Else gegen acht Stunden und ihre Tochter gegen 1 1/2 Stunden setzen lassen, um zu vernehmen, ob eine Besserung folgen wird. Diese wenigen Stunden konnten natürlich keine Wirkung haben; noch 1733, nach sieben Jahren, hatte die Gemeinde mit der sog. Hüttendorl ihre liebe Not. Damals aber griff man durch. Wegen ihres ruchlosen Haushaltens als auch des üblen Aufführens ihrer drei Kinder begab sich der Spitalpfleger Meisner mit dem Stadtknecht Senner und vier Rumorknechten nach Gaustadt. Sie setzten bzw. verwahrten sie der Müllerin "Effekten" teils auf die Grenzen (im Original Gränitzen!) deren vier Pfähle teils in das daran gelegene hospitklische Wirtshaus und dessen Stall. Sodann ließ der Stadtknecht ein Fenster und die Stubentür abheben, an die Stall und Haustüre aber Vorlegketten anschlagen und verschließen. Der Sohn Georg öffnete dennoch die "Schopfen" und machte sein Lager darein "..

Das Haus der Hüttendorl (Gr Nr. 51) ihr im Dorf üblicher Name beweist den Zustand der Behausung hatte 1733 Thomas Geus von Birnbaum im Frankenwald gekauft. Er war so baufällig, dass er es bald dreimal in der Oberen Pfarre auf offener Kanzel feil bieten ließ. Da er keinen Käufer fand, war er entschlossen, es der Dor. Müllerin wieder heimzuschlagen.

Das wollte man natürlich im Dorfe nicht. Im übrigen brachte man diese üble Familie trotz der Zwangsräumung nicht los, denn niemand nahm sie auf. Damals war es üblich, solche und ähnliche Bekanntmachungen auf der Kanzel zu verlesen.

Um zum Gefängnis zurückzukehren, der Name Els« für den Kerker scheint vom Namen des Elisabethen Spitals hergenommen, so wie man beim Katharinen Spital das Gefängnis die "Kathrin" hieß. Nun zum Strafvollzug des Klosters: 1586 wird einer in des Abts Fronfeste (Gefängnis) in die Eulen gelegt, weil er nachts in einem fremden Weingarten Träubel abgeschnitten. 1584 legt die Kanzlei der Marg. Stürmerin bei "Strafe der Pfeufen“ auf, sich mit ihrem Gläubiger zu vertragen. Linhard und Hans Weicker haben "in die Eulen gesollt", die Tochter der Zieglerin die Pfeifen tragen sollen 1592; hat aber der Herr Prior Fürbitte getan, dass sie losgelassen worden". Als Hans Weicker den Jörg Löher herausgefordert und 10 000 Sakramenter geflucht, hat man ihn in die Eulen gelegt; dieweil aber das Lesen (Weinlese) nötig und in den Weingarten großer Schaden geschieht, auf Bitten seines Weibes jedoch auf Wiederstellung, sobald er abgelesen, gegen Bürgschaft ausgelassen ". Diese Strafunterbrechung erfolgte am 7. September 1593. Dem Hans Creutzer wurde sub poena ululae, wie es lateinisch heißt, unter der Strafe der Eule, aufgetragen, der Dienstmagd Anna Kolerin einen Gulden zuzustellen ". Die Eule war also das Gefängnis der Klosters.

Über den Grad dieser Strafen gibt uns ein Antrag von 1593 Aufschluss: Endres Doner zu Rattelsdorf ist drei Tage in den Stock und, dieweil er etwas schwach, in die Eulen gelegt worden. Wie die Strafe der Geigen abgeleistet wurde, sagt der Eintrag vom 30. Oktober 1703, als Anna Schmidin mit der Geigen gestraft wurde, "die Geigen gegen zwei Stunden vor dem Hospitaltor (am Sand) zu tragen". Darnach ist wohl anzunehmen, dass dort ein Pranger stand, wo die Übeltäterinnen zur Strafe stehen mussten.

Schimpflicher war die Strafe der Creutzer'n. Weil sie 1481 Peter Mülner in seiner Ehre verletzt, "soll sie den Stein tragen"; das ist der in anderen Orten genannte "Schandstein". Zuletzt noch eine ganz unerwartete Bestrafung: 1722 klagt der Schultheiß Georg Morich (Morg) "gegen die Kochs Leut wegen Diebereien im Dorf" und beantragt, sie aus dem Dorf zu schaffen, zumal sie auch schon zweimal "auf der Kanzlei derwegen die Bastonade bekommen" ". Diese Strafe scheint man besonders gegen WaldfrevIer verhängt zu haben: Als 1774 der Sohn des spitälischen Untertanen j. G. Kröner zu Weipelsdorf während des Gottesdienstes, am Sonntagnachmittag gegen zwei Uhr mit ein Paar Ochsen und einem Stier im spitälischen jungen Schlag gehütet hatte, wurde der Vater mit zwanzig Reichstalern und der frevelnde junge Kröner mit 15 Stockstreichen im Bock" bestraft.

Ein anderer Waldfrevler hatte 1770 die Wahl zwischen gleich zu erlegenden 5 Gulden oder 5 Brügel auszuhalten. Diese wurden natürlich "in posteriori", auf den Hintern verabreicht.

Im allgemeinen liebten es die Spitalpfleger, sich von einem Verurteilten "Urfehde" schören zu lassen, wobei sie auch Bürgen für deren Einhaltung forderten. Die Urfehde bedeutete in dieser Zeit den Eid des vor Gericht Gestandenen, mochte er nun verurteilt, begnadigt oder freigesprochen sein, an den beteiligten Gerichtspersonen keinerlei Rache zu nehmen. In schweren Fällen sucht sich auch das Pfortengericht dadurch zu sichern. Die Länge des folgenden Beispiels rechtfertigen seine inhaltlichen und sprachlichen "Vorzüge".

"Ich Georg Stürmer und ich Margaretha seine eheliche Hauswirtin, beide zu Gaustadt, nadideme wir in des Herrn Georgen, Abten und Prälaten des Klosters Mönchsberg, Fronfest des Stockes aus wohlbefugten Ursachen und darum mit der Pfeifen gestraft worden, dass wir unangesehen deren vor der Zeit (früher) gegen uns unsres ärgerlichen, unchristlichen und verdächtigen Haushaltens und anderen mehr Unfugs halber vorgenommener Leibs und anderer Straf geschehenen Angeloben (Gelöbnissen) und Zusagen nicht desto minder unterstanden, allerlei leichtfertiges, verdächtiges und bezichtigtes Gesind von Weibs und Mannespersonen zu herbergen und denselben bei Tag und Nacht Unterschleif (Unterschlupf) zu geben, dadurch den Nachbarn ihre Hühner und anderes heimlich weggetragen und entwendet, und daher leichtlich allerlei besorgliche Gefährlichkeit, Feindschaft und anderer Unrat mehr könnte erregt worden sein und wiewohl wir hierdurch wohl mehr und höher Straf verdienet hätten, so hat jedoch unser gnädiger Herr und Prälat auf etlicher unsertwegen beschehener Intercession und Fürbitt uns auf diese geschworene und verbürgte Urfehde Stock und Pfeifen erlassen, dass wir die rechtmäßigen Ursachen von Gefängnis und Strafe in keinerlei Weise rächen wollen heimlich oder öffentlich oder von anderen geschehen zu werden verstatten. So bekennen wir itzbenannte Bürgen . . . bei unseren wahren Worten, Trauen und Glauben an Eides Statt alles zu halten . . . Freitags den 3. Mai Anno 1585".

Auf dieses sprachliche Erzeugnis hat sich die Michelsberger Kanzlei oder der Gerichtsschreiber nichts einzubilden!

Für Männer und Frauen verhängte man also verschiedene Strafen, die für Frauen aber durchaus nicht weniger beschämend sind; dafür zeugt die angeführte Strafe des öffentlichen Steintragens. Auch bei der Leistung des Eides treten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Unterschiede auf. Bei der Eidesleistung heißt es in den Protokollen entweder kurz Zeug Jakob Klöber sagt auf seinen geschworenen Eid" (1560) oder ausführlicher 1542 Hans Stretz hat "mit aufgehobenen (auch aufgereckten) Fingern zu Gott und seinen Heiligen einen gelehrten (vorgesprochenen) Eid geschworen".. Bei den Frauen als Zeugen dagegen lesen wir z. B. im großen Gemeindeprozess: Kungund Eychelberger "hat mit aufgelegten Fingern" zu Gott usw. geschworen", ebenso die Kath. Hinckerin und Els Kreussin. Bei letzterer hat der Schreiber im Wort "aufgehoben, das er versehentlich gebrauchte, die Silben "hoben" durchstrichen und durch "legten" ersetzt, ein Zeichen, dass es ihm auf dieses Wort ankam Diese zunächst unverständliche Angabe wird klar durch die unverkürzte Eidesformel von 1536 »Katharina Behemyn zu Dörfleins hat mit aufgelegten ihren zwei Fingern auf ihre Brust einen gelehrten Eid geschworen. Deutlicher sag das eine feststehende lateinische Formel: In eius (ludicis) manibus impositis duobus digitis ad mamillam sinistram iuravit d. h. sie schwur in den Händen des Richters mit aufgelegten zwei Fingern auf die linke Brust, Welche Einflüsse mögen für die Einführung dieser auffälligen, unterschiedlichen äußeren Form der Eidesleistung, die sich natürlich auch in den anderen dem Pfortengericht zuständigen Ortschaften zeigt, maßgebend gewesen sein, zumal man doch sonst gerade im Gerichtswesen an den überlieferten Formen und Formeln zäh festhielt.

Dazu zwei Beispiele: Ein Gaustadter stellte 1438 bei Gericht den Antrag, "dass man im (ihm) sol pfands helfen ( zu seinem Pfand verhelfen) bey scheinender sunnen" d. h. bei Tageslicht. 1496 klagt Margareth Rennerin gegen Hans Crafft:

Sie verlangt als Lohn 10 Pfennig für den Tag, er will ihr nur acht geben. Urteil: Was Crafft einer der Frauen, die mit der Rennerin gearbeitet, gegeben hat, soll ihr auch entrichten. Nachdem es aber Lohn (Dienstbotenlohn) ist, soll ihr Crafft "solchen bei scheineter sonnen ausrichten".

Das zeigt sich auch sonst: Natürlich gab es auch ungerechte Anklagen oder auch Beschuldigungen, im Zorn oder Rausch ausgesprochen, deren Unrichtigkeit sich vor Gericht rasch erwies. Als Hans Hincker 1537 der Gerhaus Löherin ehewidriges Verhalten nachgesagt und sie damit ihrer ehren entsetzt und höchlichen geschmäht hatte", musste er Abbitte leisten, denn er wisse nichts anderes dann liebe, ehre und guts von ihr und ihren Kindern zu sagen". Das ist die übliche Formel für die Zurücknahme einer Beleidigung.

Hatte aber das Gericht doch eine Strafe aussprechen müssen, so findet sich oft sichtlich zur Beförderung des dörflichen Friedens folgende oder ähnliche Formel, dass sie "auch hinfüro freundliche gute Nachbarn und Gönner miteinander sein und bleiben wollen" (1554).

Wenn jemand in Not war und er bat einen Anwesenden um Hilfe, dann machte sich der Angerufene, wenn er nicht eingriff, straf und bußfällig.

So klagte 1504 der Vogt des Klosters als Richter des Pfortengerichts gegen Jobst und Thomas Eichelberger, nachdem Mathes den Horlender verwundet und (er) sie von gerichtswegen angeschreit habe, seien ihm nicht beigestanden, verbüße das etzlicher (jeder) mit der höchsten Buß"

1681 beschwert sich der hochfürstlich bambergische Kammerrat und Sekretarius Joh. Conr. Gelther über mangelnde Sorgfalt bei der Bewachung von Verhafteten. Nicolaus Rephun, Schlosser von Scheßlitz, hatte bei hellem Tag in Gaustadt die Kinder nach der Wohnung des Endres Manlein gefragt, habe dann das Haus umgangen und sei eingebrochen. Auf dem Boden habe er dann die Truhen des Knechts und der Magd geöffnet und deren Geld entnommen. Als der Knecht ihn dabei überraschte, sei der lose Gesell gegen ihn herausgeschossen, entloffen, welchen der Knecht verfolgt und mit Hilfe einiger grasender Weiber aufgehalten habe. Man habe ihm das Geld vermittels einer Frau, die ihm den Hosensack mitsamt dem, was er darinnen gehabt, mit dem Grasstumpf abgeschnitten, wieder abgenommen und ihn aufs Kloster geführt. Weil er dort unverschlossen und unbewacht geblieben sei, sei er auf und davon geloffen. Neben der Entschlossenheit der Gaustadter Frauen bei der Gefangennahme vergesse man nicht, wie gewandt eine dem Dieb seinen Hosensack abschnitt. Er wird wohl außen mit Riemen an einem Gürtel gehangen sein.

Zum Schluss noch ein Wort zum Pfortengericht hinsichtlich seines Bestandes.

Lahner schreibt im Anschluss an Martinet, dass das erste uns erhaltene Michelsberger Gerichtsprotokoll aus dem Jahre 1553 stamme. Beide kannten die im jetzigen Staatsarchiv Bamberg aufbewahrten Michelsberger Gerichtsbücher nicht, die bereits 1435 beginnen. Ebenso ist die Angabe Martinets zu berichtigen, "dass bereits schon (i) vor 1583 das Pfortengericht als aufgelöst und aufgehoben angesehen werden muss. Für dieses mit Schöffen besetzte Gericht für Zivil und Strafsachen bedeutet vielmehr wie auch auf anderen Gebieten der 30jährige Krieg den entscheidenden Einschnitt. Während dieses Krieges und besonders seit 1632 "das schwedische Unwesen" herrschte, war vor allem das Lehenswesen mit seinem ganzen verwickelten Getriebe ins Stocken geraten, ja oft genug außer Übung gekommen. Vom 6. Febr. 1631 bis 16. Jan. 1652 setzen die Pfortengerichtsprotokolle aus. Ganz wird man freilich das Gericht nicht haben entbehren können; es ist zu vermuten, dass man in Notfällen und besonders in ruhigeren Kriegszeiten von der Kanzlei aus Entscheidungen fällte. Darauf wird man aus der späteren Entwicklung schließen dürfen.

Als man 1652 das Pfortengericht wieder eröffnete, betrachtete man anscheinend als dessen erste Aufgabe, das Lehenswesen wieder in Gang zu bringen, von dessen Zinsen und Abgaben doch weitgehend der Bestand des Klosters abhing.

So lud man laufend säumige oder unwissende Lehensträger vor das Gericht, nötigte sie aufgrund der alten Lehens und Zinsbücher zum Lehenseid und zur Entrichtung der einstigen Gefälle.

Freilich wurde die Tätigkeit des Gerichts durch entstandene Streitigkeiten zwischen Fürstbischof Peter Philipp von Dernbach und dem Abt Roman Knauer seit Beginn der 1670er Jahre immer wieder gehemmt. Diese Zwiste, gehen auf den sich entwickelnden Absolutismus zurück, der versucht, die fürstlichen Rechte zu Ungunsten des Klosters natürlich auch anderer geistlicher und weltlicher Herrschaften zu erweitern. Es kam zu Haft und Suspendierung des Abtes, zur Einsetzung von verschiedenen Vertretern, bis schließlich der Tod des Bischofts 1683 diese Widerwärtigkeiten für einige Zeit wenigstens beendete. Sie lebten aber bald wieder auf.

So versteht man, dass immer wieder Unterbrechungen des Gerichts eintraten, und sich die Ordnung des Lehenswesens bis zur Jahrhundertwende hinzog. Hans Fuchs von Gaustadt legte 1698 seine Armut und Bedrängnis dar, flehentlich bittend, weil er von Lehensempfang sein Lebtag keine Wissenschaft gehabt und also sein Söldengütlein nicht empfing. Und Josef Monlein zu Gaustadt gestand ohne Umschweife, vor Gericht zitiert, 1699, er habe seine Gült seit Jahren nicht entrichtet. Bezeichnend für die Kenntnis des früheren Lehenswesens ist die Forderung der fürstlichen Regierung auf Bezahlung des Erbhandlohns, das aber ein unbestreitbares Gewohnheitsrecht des Klosters seit je gewesen war.

Am 11. März 1700 musste der Klosteranwalt zur Vollführung des Beweises (des) in universurn (allgemein).

Im Gaustadter Flur hergebrachten Erbhandlohnes den Schultheißen Lorenz Hemmeter, auch Hans Stierlein und Hans Stengel zu Zeugen« fordern. So wuchs allmählich dem Pfortengericht die Aufgabe zu, über die Lebensfälle zu entscheiden. Mit dieser Beschränkung und Änderung von Aufgabe und Wesen wandelte in dem sich entwickelnden Absolutismus auch die Besetzung und die neuen Ansichten über Recht und Regierung. In den dadurch entstandenen Streitigkeiten bedurfte man erfahrener Juristen. Diese sprechen in dem "Closter Mönchsbergischen Leben und Pfortengericht« das ist der neue amtliche Name in Lehenssachen Recht, die Klagesachen erledigt von nun an die Klosterkanzlei durch Erlasse und Verordnungen. Vom Mittwoch, den 13. Dez. 1651 ist der erste Eintrag des neuen Protokollbuches des Lebenund Pfortengerichts datiert: "Anstatt des Abts hat der wohlerwürdige und wohlgelehrte Herr Bonifacius Wagher, Prior und Cellarius, Ehrnfesten und wohlvorgeachteten Herrn Job. Heinr. Schlehelein, derzeit des Klosters Volgt, und Joh. Gg. Bayern z. Z. Kanzleischreiber in Gegenwart der ehrenfesten und vorgeachteten Herrn Pfortengerichtsassessoren Herrn Job. Brandt, Kastner zu Rattelsdorf, Herrn Wolf Heinr. Zennefeßen, Richter auf dem Kaulberg, (ohne Herr!) Mathes Dütschen, Unterrichter bei St. Jakob und Herr M. Job. Bieber erwähnten Klosters Prokurator, nämlich Voigt zu einem Richter und Bayern für einen Gerichtsschreiber gemacht und haben dieselben die gebührliche Pflicht wirklich geleistet".

Neben diesem Gericht bestand noch ein anderes, von dem wir nur ein einziges Mal und nur in verhältnismäßig früher Zeit hören. Im Januar 1437 klagte der Abt gegen die ganze Gemeinde zu Gaustadt, dass "sie ihm seine Rüge, die sie ihm alle Jahre tun sollen, nicht vollkommen getan haben, es sei um Raine, um Steine und um alles, das die Rüge anrührt (dazu gehört), ausgenommen, das den Hals betrifft". Als Zeugen ruft er die ganze Gemeinde selbst an, die er um 100 Gulden verklagt . Das Kloster sucht anscheinend damit für dieses Gericht einen Teil der Zentfälle zu retten, die sog. Reinbreche. Ausgenommen bleiben die Verbrechen, die an Leib und Leben gehen; die sind dem Zentgericht vorbehalten. Von diesem Rügegericht, das vielleicht auf das frühere Vogteirecht zurückgeht und das nach dem Verschwinden der adeligen Vögte an das Kloster zurückfiel, hört man später nichts mehr, es sei denn, dass man darauf die "Centeinfallfreiheit und das Auslieferungsrecht« begründete d. h. das Recht, den Zentknechten und Richtern das Betreten der Gaustadter Mark zu verwehren, um einen Verbrecher oder Ermordeten zu holen". Leider ist außer der Einreichung obiger Klage weder eine Verhandlung und noch weniger ein Urteil in dieser Klage zu finden, das uns über dieses Rügegericht näheren Aufschluss geben könnte.

Dieses Gericht ist wohl dem späteren Dorfgericht gleichzusetzen, von dem Martinet aus den Gemeinderechnungen überliefert, dass diesem Gemeindegericht oder Zwölfertisch zu Gaustadt'« das Recht zustand, durch eigene Richter Streitigkeiten bis zum Werte von fünf Gulden selbst zu schlichten. Martinets früheste Nachricht stammt von 1668. Aus wesentlich älterer Zeit besitzen wir noch einige Reste eines Protokollbuches, und zwar aus den Jahren 1488, 1494/95, 1498 und 1506. Besonders erfreulich ist der Umstand, dass die "Ordenung des Gerichts zu Gaustadt von 1498 erhalten blieb. Sie sei hier mit notwendigen sprachlichen Änderungen wiedergegeben:

"Mein gnädiger Herr vom Münchberg hat ein Gericht zu Gaustadt zu besetzen, das jährlich zweimal als um Walburgis und Martini je zu Zeiten nach Gefallen der Herrschaft und eines Vogtes in des Hofmanns Behausung und Hof daselbst, darauf jetzt Conz Linßner sitzt und innehat, gehalten wurde.

Und ein Vogt auf dem Münchberg anstatt und von wegen m. gn. Herrn als Richter besitzt das Gericht, daran auch die ganze Gemeinde des Dorfs, um Urteil zu sprechen, sitzt.

Als dann tut der Richter zum ersten (Mal) fragen, wer das Gericht besitzen soll als ein Richter; sprechen sie zu Recht: Mein gnädiger Herr vom Münchberg oder sein Gewalt (Bevollmächtigter) sollen als Richter besitzen.

Weiter soll durch den Richter gefragt werden, wer an solchem Gericht sitzen solle; sprechen sie zurecht, alle diejenigen im Dorf, die rn. gn. Herr vom Münchberg mit Tür und Nagel beschließt und die Lehen von seinen Gnaden haben.

Darnach fragt der Richter, worüber mein Herr allda zu richten und zu helfen habe; sprechen sie zu Recht: Er hab zu helfen über alle Güter daselbst, ausgenommen des Spitals Güter; deren sind drei.

Darauf der Hofmann das Gericht zum ersten, andern und zum dritten Male von einem Herrn vorn Münchberg und des Vogts wegen hegen, auch Gewalt-(anwendung) und überbracht (übermütiges Schreien) bei der höchsten Buße verbieten soll.

Der Hofmann soll auch, wenn man das Gericht halten will, solches der Gemeinde acht, zum wenigsten drei Tage davor verkünden, wie es altes Herkommen ist. Und wer alsdann zum Gericht nicht erscheint ohne redliche Ursache, der ist 22 1/2 Pfennige verfallen.

Auf das solle (auch) ausgeschrieen werden, wer zu klagen habe, der möge das tun."

Dies Dorfgericht tagt im Namen des Abts als Dorfherrn, aber nur für seine, des Klosters, Untertanen ohne die drei Güter des Spitals. Der Besitz des Dornkapitels wird nicht erwähnt. Ein solches Gericht mit sämtlichen Nachpauern , wie die Dorfgenossen 1488 heißen, als Urteilern wirkte gewissermaßen als Einführung in die Rechtsfindung und als Vorbereitung zum Schöffendienst am Pfortengericht. Wer sich im Dorfgericht als ein einsichtiger, urteilsreifer, vielleicht auch sprachbegabter Mann empfahl, den konnte man zum Klostergericht holen. Wir dürfen uns dieses Gericht durchaus nicht als eine mehr oder weniger geordnete Bauernversammlung vorstellen, sondern als eine ini überlieferten äußeren Rahmen durch Verkündigung und Ausschreien, durch dreimaliges Friedgebot geliegte und durch Teilnahme der gerade in diesen Jahren amtierenden adeligen Vögte sich abspielende alljährliche Festfeier, die an Werktagen völlige Arbeitsruhe gebot.

Die uns erhaltenen Protokolle verraten überdies noch die öftere Anwesenheit seiner Gnaden des Abtes und des damaligen Cellarius Herrn Joh. Redlein, des eigentlichen Klosterrichters. Darum hat ja auch der Inhaber des Kellereihofes, der Hofmann, die Pflicht der Verkündigung und des Friedgebotes. Er wird, wenn es auch in der Gerichtsordnung nicht enthalten ist, dafür gesorgt haben, dass das Dorf seinem Herrn einen sauberen Eindruck bot, und dass die Bauern in einem ordentlichen Gewand erschienen.

Ein Protokoll beginnt z.B.:"judicium (Gericht) Gaustadt gehalten am Montag nach Lucie (15. Dez.) anno 1488. Judex (Richter) Symon von Schaumberg Volt, scabini tota conimunitas (Schöffen die ganze Gemeinde), notarius iudicii (Gerichtssehreiber) Valentin Cristan." Vor diesem Gericht klagte Hans Rigel um erschlagene Hühner, oder 1495 Benedic(t) Knau3 um einen vorenthaltenen Wetzstein für Sensen, oder am Samstag nach. johannis ante portam Latinam (3. Mai) 1494 vor dem Richter Sebastian von Kungsfeld in Gegenwart des Abtes der Hans Kraus gegen Kilian Volker, wie er einen Markstein verruckt hab". Dabei fragte der Richter bei der Besichtigung das Gericht, ob das ein Markstein sei oder nicht. Es wurde erkannt, "wann man hat stein dabei funden, wie die bei einem markstein ligen sollen, so wollen sie den für einen markstein halten". Das ist ein frühes Zeugnis für die von den Märkern unter die Marksteine gelegten gezeichneten Steinchen. 1506 klagte Els Zollnerin gegen Hans Frank wegen Herausgabe von Hemd, Schürze und Kittel. Dabei wird bemerkt, dass der Verurteilte Frank an das Pfortengericht appellieren wolle. Damit haben wir den Instanzenzug Dorfgericht Pfortengericht bischöfliches Landgericht gefunden. Ferner erlaubt die oben angeführte Zuständigkeit des Dorfgerichts für die Versetzung von Marksteinen, also um Rain und Stein, die Gleichsetzung des 1437 erwähnten Rügegerichts mit diesem Dorfgericht. Dabei sei auf die bei E. v. Guttenberg angeführte Urkunde von 1383 "über das Rugrecht und Gepauerschaft" von Nydernkuebz" hingewiesen, wohl das gleiche Gericht wie bei Gaustadt ".