Home | Gaustadt | Bürgerverein | Presse | Vereine | Kirchen | Parteien | Institutionen | Firmen | Kontakt
  Druckversion   Seite versenden

Obrigkeit, Gericht und Recht

Wenn ein Gaustadter von Obrigkeit sprach, so konnte er an den Fürstbischof als Landesherrn denken oder an den Abt auf dem Michelsberg als seinen Lehensherrn oder an die zwei Dorfbehörden, den (Lehens)Schultheißen als Beauftragten des Abts und die zwei Dorfmeister, die gewählten Vertreter der Gemeinde, die man in später Zeit etwas großspurig auch Bürgermeister nannte.

Wenn auch das Kloster Kaiser Heinrich Il. Fälschlicherweise, als seinen Gründer in Anspruch nahm, so hat es doch niemals im Ernste die Oberhoheit des Bamberger Bischofs im geistlichen wie im weltlichen Bereich zu bestreiten gewagt. Der Bischof war und blieb der Landesherr und forderte darum auch die Beachtung seiner landesherrlichen Rechte im Dorfe Gaustadt. Martinet führt davon als erste die Steuer auf und schreibt, sie erscheine "bald nach laut der Gaustadter Gemeinderechnungen als eine in außerordentlichen Fällen von der Gemeinde gereichte Gabe Contribution genannt . . . bei Kriegszeiten". Diese Gemeinderechnungen sind inzwischen verschwunden und wir müssen ihm dankbar sein, uns wenigstens durch seine Auszüge Einblick in die Gemeindeverwaltung zu gewähren. Sonst hätten wir nur vereinzelte und zufällige Bemerkungen der Überlieferung. Martinet führt neben diesen außerordentlichen Abgaben der Gemeinde auch die regelmäßig zu entrichtende Lichtmess und Michaelissteuer an, die aber nicht die einzelnen Gemeindeglieder entrichteten, sondern "aus den Erträgnissen der Gemeindenutzungen bestritten«« wurden. Sie schwankten nach ihm zwischen 6 Gulden i. j. 1624 und 11 Gulden 46 Kreuzer i. J. 1733. Diese auffallende Besteuerung der Gemeinde, das liegt hier praktisch vor, hat als Kehrseite natürlich die Steuerfreiheit der einzelnen Dorfbewohner. Das stellt gewiß einen Ausnahmefall dar und hat deswegen auch seine erklärbare Ursache: Sie geht wohl zurück auf den Spruch des Michael von Schaumberg zu Strößendorf und Bernhard Schaumberg zu Trunstadt vom 18. Mai 1440, "dass uns (den beiden Adeligen) unser gnädiger Herr von Bamberg (Anton von Rotenhan) zugesagt hat, die armen Leute zu Gaustadt auszutun (mit ihnen eine Ausnahme zu machen) und aus dem Steuerbuch auszuschreiben, so dass sie in Zukunft alle insgesamt frei von jeder Steuer sein sollen"'. Unter "armen Leuten" verstand man damals die Untertanen oder die Hintersassen, im Gegensatz zu den Adeligen und den Angehörigen der ratsfähigen Geschlechter.

Die eben erwähnten "außerordentlichen Fälle" lagen in Kriegszeiten vor. Hier aber verlangte die Sicherheit des Landes auch Dienstleistungen mit der Waffe. Mochte man auch einst mit den angeworbenen Landsknechten in den Krieg gezogen sein, ganz konnte man auch in der darauffolgenden Zeit der stehenden Heere die Hilfe bewaffneter Untertanen nicht entbehren. Diese eingezogenen Leute bildeten den sog. "Ausschuss", sie selbst nannte man die Ausschüsser. Es gab ja damals noch keine allgemeine Wehrpflicht, sondern die notwendigen Mannschaften konnten sich freiwillig melden oder wurden ausgelost. Diese dem Zufall überlassene "Musterung" hielt sich in Bayern noch lange bis ins 19. Jahrhundert. Es scheint, dass Gaustadt nur einen Ausschüsser stellen musste. Dass das Auslosungsverfahren zu manchen berechtigten oder unberechtigten Klagen Anlass gab, zeigt die Beschwerde des Gaustadter Schultheißen Christoph Mackart gegen die Kunigunda Möhrlein.

Als Hofrat Reider zu Hallstadt den Rekrutenzug (Musterung) durch Verlosung vornahm, hatte das Los den Johann Schiller, einen Verwandten der Möhrlein, getroffen. Darauf habe diese ihn in der Karwoche 1796 zu Gaustadt einen Seelenverkäufer, Spitzbuben und Hurentreiber geheißen, als sei er, der Schultheiß. die Ursache gewesen. Damals hatte sich der französische General Jourdan bis zur Oberpfalz unter Plünderungen und Verwüstungen vorgewagt, musste sich aber dann unter noch größeren Erpressungen und Verheerungen zurückziehen, beide Mal durch unsere Gegend, so dass man verstehen kann, dass sich die verängstigte und geplagte Bevölkerung einiger Orte weigerte, wie Looshorn berichtet, sich der Militär Rekrutierung durch Verlosung zu unterziehen. Dem oben genannten Ausschüsser Joh. Schiller, der anscheinend Dienst zu Hause tun musste, hatte die Schultheißin, die ihren Mann wohl vertrat, wegen des Durchzugs von Truppen eine Botschaft aufgetragen, wohin wird nicht angegeben. Dieser aber, dessen Verärgerung ja obige Äußerung der Kunig. Möhrlein widerspiegeln, stieß die Schultheißin ganz respektlos und unritterlich in einen Graben, wobei sie ihren rechten Arm ausfiel, so dass sie den Einrichter in Litzendorf aufsuchen musste. Anders war es Jahrhunderte früher, im ausgehenden Mittelalter. In den damaligen Fehden und Kriegen, in die sich der Bamberger Bischof manchmal recht unnötig verwickeln ließ, mussten die einzelnen Ortschaften des Bistums je nach ihrer Größe einen wie eben Gaustadt oder mehrere sog. Reisewagen stellen. Sie dienten wohl der Beförderung von Lebensmitteln und Waffen, entsprachen also unserem Nachschub. Man verlangte von ihnen eine den Anforderungen des Krieges entsprechende Beschaffenheit; dazu kam aber, was am schwersten wog, die Stellung von Bespannung und Führer. Meist mag wohl der jeweilige, von der "Reis", dem Kriegszug, betroffene Gaustadter wieder heimgekommen sein, Wagen und Pferde aber gingen ebenso oft zu Grunde. Und dafür musste die Gemeinde aufkommen. Es wurde dann das Reisgeld fällig, wenn es nicht schon vorher erhoben wurde. Man berechnete es nach dem Besitz oder Vermögen. Aus einer Klage der Dorfmeister Thomas Eichelberger und Peter Löher gegen Cunz Weicker 1512 erfahren wir, dass dieser sich erboten habe, der Gemeinde »etliches Geld" zu leihen, als diese kürzlich "zu reisen schicken d. h. zu einem Kriegszug rüsten sollte, aber kein Geld gehabt habe. Er hatte 20 Gulden gegen einen Anger vorgestreckt. Da aber aus der "Reise" nichts geworden sei, habe man ihm den Anger abgesprochen".

Als Bischof Georg von Schaumberg im Kriege des Albrecht Achilles von Ansbach Bayreuth mit Pfalz und Bayern sich mit letzteren verbündete, wurde 1462 diese Kriegsabgabe erhoben. Es gab und gibt zu allen Zeiten Leute, die nicht zahlen wollen. So mussten auch in diesem Jahre die beiden Gaustadter Dorfmeister Cunz Stürmer und Cunz Amlung im Auftrag der Gemeinde vor dem Michelsberger Pfortengericht Klage erheben, dass Thema Schaller (Gr.Nr. 66) ein Pfund und die Irmel Mentlerin auf dem Jungfrauenhöflein "sechs Pfund von ihren Gütern entrichten soll". Die letztere, eine im übrigen wohlhabende Bambergerin an der Unteren Brücke, scheint schließlich bezahlt zu haben; dem Thema Schaller aber wird Pfändung angedroht und zuletzt heißt es: "Des Schallers Haus zu Gaustadt soll man beschauen. bis zum nächsten Gericht" '. Das wird wohl so viel bedeuten, daß man etwas Pfändbares in seinem Haus suchen will. Ein Pfund Geld waren 30 Pfennige; aber um diesen für uns unbedeutenden Betrag konnte ungefähr gleichzeitig, wie später zu berichten ist, freilich auch aus grundsätzlichen Erwägungen ein mehrjähriger Prozess entstehen. Dabei werden wir auch die recht befremdliche Ausführung einer derartigen Pfändung kennen lernen.

Der Landesherr verlangte aber noch andere Dienstleistungen. Am 9. Dez. 1485 gab die Michelsberger Kanzlei eine Anordnung an 16 Dörfer wegen eines Turniers heraus, darunter auch an Gaustadt. Nicht als ob die Gaustadter mit Schild und Helm auf den Kampfplatz hätten reiten sollen, sondern die Gemeinde hatte zum Turnier in Bamberg vier Wäppner (Bewaffnete) zu Fuß zu teilen, von denen jeder wenigstens an Schutzwaffen habe einen Eisenhut (Helm), einen Krebs (Brustpanzer) und ein Goller (Halsschutz), an Waffen eine Handbüchse oder eine Armbrust, eine Hellebarde oder einem Schweinsspieß (Saufeder mit sehr langem, dünnem Blatt).

Man sieht daraus, was an Waffen man damals auf einem Dorfe erwarten konnte, ja, was vorhanden sein musste. Diese vier Gaustadter sollten mit den anderen Michelsberger Untertanen, darunter zehn aus Viereth, acht aus Oberhaid, elf aus Ebing, 30 aus Rattelsdorf am Samstag nach Dreikönig, den 7. Januar 1486 des Turnierdienstes gewärtig sein. Sie wurden wohl zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur Absperrung usw. eingesetzt. Aufschlussreich ist aber wieder, wie die Kanzlei wohlweislich nicht die geforderten 100 Mann verlangte, sondern 110, weil man von vornherein mit Ausfällen und Säumigen rechnete.

Als am 30. August 1740 eine landesherrliche Verordnung des Fürstbischofs Friedrich Karl von Schönborn ergangen war, daß die domkapitelischen, dompropsteilichen, klösterlichen und spitälischen Untertanen dem Fürsten Jagdfolge, Jagdfron und Jagddienste zu leisten haben", so war das ein Ausfluss des absolutistischen Regiments Schönborn'scher Prägung". "Zu den persönlichen Frondiensten mussten alle Untertanen angehalten werden, damit, nach Looshorns treffender Beurteilung, »Gleichheit im Dienen, nicht Gleichheit in der Freiheit entstünde"". Leider blieben manche dieser den Fürsten dienlichen Anordnungen darunter auch diese über die Jagdfron auch später in Kraft. So wurden die Untertanen zu Gaustadt, Trosdorf und Dörfleins auf den 10. Oktober 1751 zur Saujagd in der Zückshuter Flur befohlen ".

Am 12. Oktober 1764 soll der Gaustadter Schultheiß "zehn tüchtige Mannspersonen“ zu den fürstlichen Saujagden im Hauptsmoor abstellen; wenn es hieß, dass "diese nach Verlauf von 48 Stunden abgelöst werden sollen", so ist heute schwer zu sagen, ob das die übliche Frist oder eine Vergünstigung war ". Jedenfalls wird die Auswahl dieser zehn Jagdfröner dem Schultheißen nicht leicht gefallen sein. Die Michelsberger Kanzlei erhob zwar gegen diese Befehle einen formellen Widerspruch, riet aber ihren Untertanen angesichts der angedrohten Strafe Friedrich Karl hatte fünf Gulden festgesetzt in Gottes Namen zu gehorchen.

Nun das Gegenstück dazu: Nach dem 30jährigen Krieg hatten sich nicht nur die jagdbaren Tiere vermehrt, sondern es hatte sich, wie nach dem 2. Weltkrieg in Ostpreußen, bei uns die Notwendigkeit gezeigt, gegen Wölfe vorzugehen. Der Fürstbischof Philipp Valentin Voit von Rieneck erließ da zu eine Anordnung, die das Kloster am 14. Febr.1663 seinen Untertanen bekannt machte. Damals hielt man es noch für notwendig, eine Begründung zu geben, als man des Klosters Immunitäter wie auch die Gaustadter, Bischberger und Weipelsdorfer für den anderen Tag zu einer Wolfsjagd um den Rothof (das Rothöflein) und Weipelsdorf anforderte, weilen es zur Abhelfung eines allgemeinen „Übels" notwendig sei. 1692 steht in einem Klag Protokoll: "Nachdem Zacharias Ebner Flurer und Pangratz Stretz zu Viereth angezeigt, dass als besagter Flurer nächsthin dem hochfürstl. Befehl gemäß nächtlicherweil auf einen Fuchs oder Wolf gelauscht. Zum Wildreichtum sei bemerkt, dass am 25. Okt. 1735 zwischen Bamberg und Hallstadt über 800 Hasen nebst Füchsen geschossen wurden ".

Am 18. Dez. 1738 kamen im Hegnich 50 Stück Rotwild zur Strecke und am 5. Jan. 1739 schoss der Fürstbischof allein bei Sechof 10 Stück Wildschweine

Das letzte Recht des Landesherrn betraf das Gericht insoweit, als

1.das fürstliche Centgericht für die vier hohen Rügen, meist Mord, Brand ' Raub und Notzucht zuständig war, und

2.2. das fürstliche Hofgericht als Berufungsinstanz in Frage kam.

1546 glaubte Cunz Stürmer vor dem Michelsberger Pfortengericht nicht sein Recht bekommen zu haben. Er appelliert "mit lebendiger Stimme an und für (vor) den Hochw. Fürsten und Herrn von Bamberg und bittet zum ersten, andern und dritten Mal fleißig, fleißiger und aufs allerfleißigst um Appostolos und Abschied". Das sagte ihm der Richter zu. Den zunächst unverständlichen Ausdruck "Apostel" erklärt das Rechtswörterbuch . Es sind die Gerichtsakten, die dem Appellanten von dem Unterrichter an den oberen mitgeteilt werden, damit er sich unterrichten kann.

Der Bischof als Landesherr trat den Gaustadtern meist nur in seinen Beamten und Richtern entgegen. Anders war es bei den Untertanen des Klosters und des Spitals. Der einzige dem Domkapitel zuständige Hof kann bei dem fast völligen Mangel an Archivalien beiseite gelassen werden.

Die Klosterleute mussten persönlich dem jeweiligen neuen Abt die Erbhuldigung leisten wie am 9. Juli 1749 im großen Saale der Abtei mit den anderen Dörfern der Nähe, wobei sie auch zum Huldigungspräsent beigetragen hatten. Die Spitälischen wurden durch die beiden Pfleger in die Lehenpflicht genommen. Der Abt aber übte als Inhaber der meisten Höfe die sog. Dorf oder Gemeindeherrschaft aus, für die im allgemeinen die Dorf oder Gemeindeordnung den Rahmen abgab.

G. Schrepfer gibt in seinen "Dorfordnungen im Hochstift Bamberg" richtig als Grund für den Erlass solcher Dorfordnungen "Irrungen, Gebrechen, Unordnung, Streit, Zweiung, Zwietracht" an. Er betrachtet aber die Notariatsurkunde vom 3. Juli 1541 über Gaustadt als eine durch einen Ausschuss erarbeitete Erstellung einer Dorfordnung, im besonderen als ein Weistum. Er übersieht aber dabei, dass die wirkliche Dorfordnung erst aus dem Jahre 1583 stammt. Der Anlass zu letzterem war eine bis ins Einzelne erkennbare Zwietracht in der Gemeinde, die in den Gerichtsbüchern des Pfortengerichts ihren Niederschlag fand. Es handelte sich um tiefgehende Meinungsverschiedenheiten über das Hutrecht, die das Dorf in zwei zahlenmäßig ungleiche, unversöhnliche Parteien spaltete. Nach den Gerichtsprotokollen spielte sich folgendes ab: Am 15. Mai 1541 verlangte Hans Koch als Dorfmeister vor versammelter Gemeinde, dass diejenigen, die auf der Hege mit ihrem Vieh gehütet hätten, Pfand geben, also gestraft werden sollten, und zwar mit zwei Pfund, der höchsten Strafe, die ein Dorfmeister verhängen durfte. Nun muss man wissen, dass nach den Protokollen und dem gleich zu erwähnenden Prozess auch. persönliche Gegensätze hereinspielten. Auf der Gemeindeversammlung prallten die Gegensätze aufeinander. Heinz Kraus und Kuni Eichelbergerin, letztere spitälisch, hatten ihr Vieh auf der Hege weiden lassen und wurden deshalb bei der Gemeinde verklagt. Diese erste Gemeindeversammlung hatte kein Ergebnis. Am 3. Pfingstfeiertag, am 7. Juni 1541 kam man wiederum zusammen, und hier verlangte Hans Keck nochmals die Bestrafung der Schuldigen. Dazu erklärten die Gemeinmeister Jörg Hofmann und Peter Löher, dass nach Gemeindebeschluss kein Gaustadter von Walburgis (1. Mai) bis Martini (11. Nov.) mit seinem Vieh allein auf den Gemeindenutzungen hüten dürfe bei einer Buße von 2 Pfund. Demnach darf es dort nur der Gemeindehirt, aber auch, worauf die Gegner besonders hinwiesen, die Fremden, z. B. die Bamberger Metzger. Die Mehrheit der Versammlung beschließt die Bestrafung, die beiden Schuldigen verweigern die Bezahlung.

Darum musste man nach Gemeindebrauch zur Pfändung schreiten, in diesem Fall im wörtlichen Sinn. Das aber ging so vor sich . Der eine Gemeindemeister verpflichtete alle Anwesenden, also auch die beiden zu Pfändenden, insbesondere aber auch den Gemeinmeister Peter Löher als einen nahen Verwandten von Heinz Kraus, gemeinsam zunächst zum Haus der Eichelbergerin zu ziehen. Dort sollten angesichts und im Namen der Gemeinde Hans Keck und Josef Kerslein das Pfand nehmen. Im letzten Augenblick, als "Schon die Gemeinde vor ihrer Behausung gewest, hat sich die Bedrohte "mit der Gemeinde vertragen" d. h. bezahlt. Dann ging's zum Haus von Heinz Kraus. Unterwegs, so sagte ein Zeuge aus, habe sich aber der Dorfmeister Peter Löher an einem Rain niederfallen lassen und sei liegen geblieben. Heinz Kraus dagegen wohnte im Kreis seiner Dorfgenossen seiner eigenen Pfändung bei, offensichtlich völlig ruhig, da von ihm nichts erwähnt wird. Er wurde um so kräftiger von seiner Frau vertreten. Die Zeugenaussagen gehen in Einzelheiten auseinander, besonders wenn es sich darum handelt, die Urheber der Tätlichkeiten festzustellen.

Es lohnt sich diesen aufregenden Tag, den die Gemeinde erlebte, nach den Unterlägen zu schildern. Den Anfang machte Hans Keck, der Dorfmeister, der versuchte, ins Haus zu dringen, was ihm die Frau auf Grund des Hausrechtes mit Recht verwehrte. Da die Haustüre verschlossen war, drang Jos. Kerslein durch die rückwärtige Tür ins Haus, öffnete zuerst die Mittel , dann die vordere Haustür. So konnte auch Keck ins Innere gelangen, um ein Pfand zu nehmen. Kerslein schlug die Frau ins Gesicht und, nachdem sie zu Boden gefallen war, bearbeitete er sie mit seinen Fäusten. Keck nahm inzwischen drei Pfannen weg und wollte davon.

Die Frau hinderte ihn aber und dabei schlug er sie mit einer Pfanne auf den Kopf. Das konnte dem Keck später nachgewiesen werden, denn die Zeugen sagten aus, sie hätten gesehen, dass die Haube (das Kopftuch) der Frau schwarz war. Als die Krausin ohnmächtig zu Boden fiel, kam ihr die Schwägerin mit einem (Gras )Stumpf zu Hilfe. Keck zog sie an den Haaren aus dem Haus, und, als sie wieder hineinzukommen suchte, schlug sie Keck mit einem Prügel. Dafür bearbeitete die wohl wieder zu sich gekommene Frau des Kraus den Keck mit einem Besenstiel. über das Schicksal der gepfändeten Pfannen ist nichtsbekannt; wahrscheinlich hatte sie der Dorfmeister doch gerettet. Die zuschauende Gemeinde war mit dem Verhalten von Keck und Kerslein nicht einverstanden. Der Zeuge Hans Stürmer sagte in dem nun folgenden Prozess aus, dass Keck "auf der Gemein Anschreien (Zurufen) die Frau wiederum aufgelassen" und "die Gemein habe den beiden kein Recht gegeben, die Frauen zu schlagen". Die auseinandergehenden Aussagen, aus denen die oben gegebene Darstellung gezogen wurde, erklären sich daraus, dass die Zuschauer gleichzeitig zwei sich bekämpfende Paare beobachten mussten.

Auf jedem Fall erlebte die Gemeinde ein beschämendes Schauspiel. Ein Zeuge erklärte, er habe zwar nie gesehen, dass einer dem Pfänden sich widersetzte, aber auch nicht, dass einer deswegen vergewaltigt, geschlagen oder seine Behausung mit Gewalt geöffnet worden sei. Nach fast drei Jahren ging der von Kraus angestrengte Prozess aus wie das berühmte Hornberger Schießen: Jeder bezahlte seine Kosten. Heinz Kraus hatte zwar nichts erreicht, Keck und Kerslein waren indes auch nicht gerechtfertigt". Der Notar Jörig Brechtlein spricht es in seiner Einleitung zum oben erwähnten "Weistum" vom 3. Juli 1541 aus, dass sich "der Pfandnehmung halben" Irrungen zugetragen hätten, auch dass die Dorfmeister verklagt worden seien, "als hätten sie in solcher Pfandnehmung zu weit gegriffen". Daher befahl der Abt, um derartiges in Zukunft zu verhüten, von den Altesten der Gemeinde die herkömmlichen Gebräuche und Rechte zu erfragen und schriftlich niederzulegen. Er wolle dann mit den beiden anderen Lehensherrschaften, dem Spital und dem Domkapitel, sich bereden, ob man den Gaustadtern die von den Altesten ausgesprochenen Artikel urkundlich bestätigen könne. Man wählte also in Gaustadt zu den beiden Dorfmeistern die zehn Ältesten der Gemeinde, wobei allerdings "als nur bedingt zu nehmen ist; denn Endres Bleidner z. B., der zum Ausschuss gehörte, war nach den Zeugenaussagen erst 36 Jahre alt. Als diese zwölf ihre Beratungen abgeschlossen hatten, holte man den Notar Brechtlein, um das, "wessen die gesetzten Ausschuss (mitglieder) einig wurden, aufzuschreiben " Die Urkunde beginnt mit der Aussage des siebzigjährigen Eberhard Kraus, daß vor 40 Jahren Wunne und Weid zu Dorf und Feld den Bauern und Söldnern (Kleingütler) mit Hüten und Grasen zu rechter gebührender Zeit gegönnet worden. Aber vor wenigen Jahren haben sich die jungen unterfangen, "wo einer ein Fleckle eins Tisch breit hab, dasselb zu verzäunen und zu vermachen und sich allein auf anderen Feldern zu nähren". Dieser Ausspruch des Eberhard Kraus wird besonders hervorgehoben und von allen genehmigt.

Der 2. Artikel legt für Bauern und Söldner das Recht fest, auf den Stupfeln d. h. den abgeernteten Getreidefeldern "Stupfel zu rechen"; doch durften sich die Bauern (nicht die Söldner!) einen Acker vorbehalten. Für dieses Recht (auf fremden Ackern zu rechen) müssen die Söldner den Mist, "so sie jährlich gemacht", das Fuder der Gemeinde zu höchstens 15 Pfennigen anbieten Das Fuder wird als jene Menge bestimmt, die von vier Pferden gezogen werden kann. Erst wenn niemand in der Gemeinde den Mist haben will, kann er nach auswärts verkauft werden. Die Stupfel dürfen erst nach dem Bartholomäustag (24. August) gerecht werden, und zwar aus jedem Haus täglich nur eine Person einen halben Tag, "damit die Strei (Streu) zimlicher maß eingeteilt werde".

3. Jeder Fremde, der nur als Mieter ohne Erbschaft oder Kauf ins Dorf kommt, muss nicht wie bisher einen halben, sondern vier Gulden für das Gemeinderecht bezahlen.

4. Jährlich hält man am Tage Andreae (30. November) ein Hegmal (gehegtes Gericht) und dingt dabei auch den Hirten. Dazu hat ein Dorf- oder Mahlmeister neun Schreie im Dorf zu tun. Wer vor dem neunten Schrei nicht erschienen ist, wird mit 60 Pfennigen gebüßt.

5. Wenn einer bei Festsetzung des Lohnes des Hirten ein Haupt des Viehs verschweige, verfalle der Gemeinde "das pest hapt (Haupt!) vihes" zu Pfand.

6. Wie am Andreastag hält man auch Walburgis ein Hegmal mit gleichen Schreien und Strafen; dabei verbietet man auf den Werden (Regnitzufern) mit den Pferden von Walburgis bis Michaelis (29. September) und mit den Kühen bis Martini zu hüten.

7. An Walburgis werden auch die Geröder (Gemeindenutzungen) vermacht d. h. geschlossen.

8. und 9. Der Fußsteig vom Dorf zur Regnitz (bei der Flößergasse) und das Gäßlein hinter dem Adell (Adam Poltz, das heute verschwundene Quergäßlein zwischen Gr. Nr. 18 und 19) ist für Fahren, Reiten und Treiben gesperrt.

10. Niemand darf sein Vieh allein von Walburgis bis Martini auf den Angern der Gemeinde hüten (Prozess!).

11. Wenn jemand nach dem neunten Schrei zu einer Gemeindeversammlung kommt, zahlt er 7 1/2 Pfennige.

12. Hier wird die Benutzung des Gemeindeschschelches (er heißt auch Nachen und Achen) geregelt.

13. Man bedauert, daß der Gemeinde nicht wie in alter Zeit bei Hochwasser und großer Dürre gestattet werde, im Klosterwald einen halben Tag die Pferde zu hüten oder zu grasen, auch Laub oder Streu (Lapp oder Strei!) zu rechen. Man hofft, dass man in diesem Punkt ihnen Gnade erzeige.

14. Als letztes wird der alte Brauch als gemeines Recht bestätigt, dass die Dorfmister samt der Gemeinde (mit Genehmigung der Gemeinde) den, der eine verfallene Buße nicht willig zahlen will, ohne eine Klage bei dem Herrn (Abt) pfänden dürfen. Vergleicht man diese Gemeinderechte von 1541 mit der Dorfordnung von 1583, so liegt der Unterschied in der soeben gebrauchten Benennung. 1541 werden mit Ausnahme des ersten und vorletzten Artikels Gebote und Verbote mit Strafandrohung erlassen. Es fehlt jegliche Bemerkung über die Dorfverwaltung. Ihretwegen hatte es eben keine "lrrungen" gegeben, darum war es unnötig, deswegen etwas einzuschärfen oder anzuordnen Ein Dorf- oder Mahlmeister wird bereits genannt. Hier steht die altertümliche und die neuere Amtsbezeichnung nebeneinander. Zu diesem "Mahlmeister" gehört sprachlich auch das im 4. Artikel vorkommende "Hegmal"; auch das einfache Wort wird gebrauch: " . . . vmb das vngefehr acht tage vor vasnacht ein mahell ausgeschrien worden", sogar "an St. Walburgentag hab ein gemein ein g e m a h e l l gehab ". Mahel, mal bezeichnet die Gerichtsstätte wie das Gericht selbst, Hegmal ist das (ein )gehegte Gericht, eingefriedigt und mit besonderem Schutz befriedet. Das Gaustadter Hegmal, das zu feststehenden Zeiten, Walburgis und Andreae, gehalten wurde, kann man mit dem echten (ungebotenen) Ding (Versammlung) der Frühzeit vergleichen. Wenn aber der Dorfmeister auch Mahlmeist er heißt, so könnte das wohl auf ein ihm früher zustehendes Amt hindeuten, auf das des Richters. Weiter sei darauf hingewiesen, dass im 2. Artikel ein deutlicher Unterschied zwischen dem Bauern und dem Söldner gemacht wird; dabei nehmen die Höfe wiederum eine besondere Stellung ein. Deren Inhaber haben so viel Grundbesitz, dass sie es nicht nötig haben, auf den Feldern der andern Stupfel zu rechen. Die Bauern, die Besitzer der Güter, die noch im Zinsbuch von 1741 zwischen den Höfen und den Söldnern aufgeführt werden, dürfen sich selbst einen Acker vorbehalten.

Noch mehr treten die sozialen Unterschiede in dem oben angeführten Prozess Kraus gegen Keck Kerslein hervor. Der Anwalt der letzteren sucht verständlicherweise die Aussagen der gegnerischen Zeugen zu entwerten. Die Zeugen geben in den einleitenden allgemeinen Fragen auch an, wie viel Vermögen und welche Beschäftigung sie haben.

So sagte Peter Löher, gewesener Gemeindemeister und Besitzer des Kellereihofes fast prahlerisch, "er sei 200 Gulden reich und hab mehr Vieh, dann einer warten könnt«. Hans Weicker sei 300 Gulden reich, habe drei Kühe, ein Schwein. Hans Stretz besitzt drei Kühe, drei Pferde, vier Schweine, sechs Paar Tauben, Mathes Hasel auf dem Abtshof fünf Kühe, fünf Schweine, zwei Kälber. Zu den Armen zählen z. B. Hans Stürmer. Er bekennt "seine Armut als 20 Gulden reich" mit zwei Kühen. Die Katharina Hinckerin, Witwe, deren Vater Clas einst Dorfmeister gewesen, wie sie mit einigern Stolz hinzufügt, "nähre sich von ihrer harten Erbeit, das sei ihre Handierung" ". Am meisten muss man sich darüber wundern, dass in einem Schriftsatz von Keck Kerslein der Zeuge Eberlein Kraus, der doch als Sprecher des Ausschusses bei der Festsetzung der Gemeinderechte auftrat, bezeichnet wird als "ein verlebter und vermutlichen ein wanwitzig (schwachsinnig) Man, nur 20 Gulden an Vermögen und also arm, dass er täglichen nach dem Almosen gehen und kein Vieh heltet. Nicht nur sein Schwachsinn, auch seine Armut soll also den Wert seiner Aussage mindern. Der Gegner freilich schlug zurück: "Dass aber dem Eberlein Kraus die Armut fürgerückt wird, das mag (kann) die Widerteil auch nit helfen", ja, wenn Kraus 100 Jahre alt wäre, dann könnte man von Schwachheit reden, andererseits beanstanden sie die Jugend des für Heinz Kraus aussagenden Endres Bleidner (36 Jahre); einmal seien die Zeugen zu jung, dann wieder zu alt ". Aber nicht Armut und Alter, auch körperliche Gebrechen schädigen Ansehen und Einfluss; so sagt Katharina Hofman 1548, offensichtlich herabsetzend gemeint, von Michel Bleidner, er "habe nur eine halbe Arschkerben" ". Ganz in dieser Linie liegt es, wenn im Michelsberger Gerichtsbuch der 1550er Jahre regelmäßig die Zeugen betonen, sie seien "alt und reidi genug zu einem Zeugen«. Was übrigens die Zeugen im erwähnten Prozess angeht, so sagen sie aus und ihr Zeugnis wird voll gewertet, auch wenn sie zu den Parteien eng verwandt sind. Cunz Stürmer gibt an, er sei des Hs. Kecken Schwager, ebenso Endres Bleidner. Els Kreussin (Kraus) ist des Kecken Schwiegermutter und Peter Löher des Heinz Krausen Gevatter ".