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Geschichtliche Zeit

Nach der Meinung vieler Leute findet man erwähnenswerte Ereignisse oder die Schicksale von Personen irgendeines Dorfes in dessen "Chronik". Mag er sich diese geschrieben oder gedruckt als ein dickleibiges, in gepreßtes Schweinsleder gebundenes Buch vorstellen, das in einem Archiv, im Rathaus oder sonst einem Amt auf einen wißbegierigen Leser wartet, jedenfalls gibt es diese Chronik in solcher Form und Fülle des Inhalts nicht; sie ist ein Wunschbild. Einen Fortschritt bedeutet schon das Wissen, daß man geschichtliche Tatsachen in einem sog. Archiv zu suchen hat. Freilich verbindet sich mit diesem ansehnlichen Fremdwort vielfach die angenehme, aber wiederum falsche und täuschende Vorstellung, man brauche dort nur ein Schubfach aufzuziehen oder in eines der zahlreichen Regale zu greifen, um alles dörfliche Geschehen schön beisammen zu haben. Auf solch einfache Weise also läßt sich keine Dorfgeschichte schreiben. Dabei muß man auch hier noch einen Vorbehalt machen; denn nicht jeder Ort lohnt die Zeit und Mühe des archivalischen Suchens, nämlich dann nicht, wenn man nicht genügend oder nur wenig ergiebige Archivalien vor-findet. Das ist nun z. B. bei Gaustadt nicht der Fall. Es gehörte dem Kloster Michelsberg, in alter Zeit meist auch Mönchsberg genannt. Als Zeugen einer mustergültigen Verwaltung verwahrt glücklicherweise das Staatsarchiv Bamberg die Zinsbücher von rund 1375 bis zum umfangreichsten und letzten von 1741, das noch die Eintragungen bis weit in die bayerische Zeit hinein enthält. Mit Hilfe dieser Zinsbücher lassen sich die einzelnen Häuser des alten Gaustadts genau festlegen und zwar einmal durch die Zinse und andere Abgaben, die im allgemeinen bis zum Ende des Klosters und darüber hinaus gleich blieben, zum anderen durch die Beschreibung der Lage und die Nennung der Nachbarn. Daneben stehen noch die Lehenbücher zur Verfügung, die die Belehnungsurkunden enthalten. Wichtige kulturgeschichtliche Angaben bieten die Gerichtsbücher des sog. Pfortengerichts auf dem Michelsberg, lange Reihen von Rezeß und Protokollbüchern, im wesentlichen auch gerichtlichen Inhalts, von Rechnungen, von Missivbüchern d. h. modern ausgedrückt von Kopien der auslaufenden Korrespondenz und zuletzt zahlreiche Urkunden. Angesichts dieser Fülle von klösterlichen Quellen, die sich kaum bewältigen lassen, bleibt die archivalische Überlieferung des Bamberger Elisabethen Spitals, das ja auch, wenn auch nur wenige Besitzungen in Gaustadt hatte, im ganzen bescheiden. Aber auch die Anlage und Führung der spitälischen Verwaltungsakten läßt gegenüber der Klosterkanzlei die Sorgfalt und Genauigkeit vermissen. Einen Hof besaß auch das Domkapitel'sche Rezeptorat für die Domvikarie St. Johannis et Pauli. Die wenigen Angaben darüber lieferte nicht das Archiv des Erz-bischöflichen Ordinariats, sondern des Klosters und des Spitals. Zuletzt boten noch die Staatliche Bibliothek Bamberg, das Archiv der Oberen Pfarre und des Historischen Vereins Bamberg einige nicht unwichtige Unterlagen.

Auf diesen handschriftlichen Quellen, daneben auf der einschlägigen gedruckten Literatur, besonders den Werken von A. Martinet "Innere Geschichte des Dorfes Gaustadt" (1845) und A. Lahner "Die ehemalige Benedictiner Abtei Michelsberg zu Bamberg" (1889) beruht die folgende Geschichte des Dorfes Gaustadt. Im Jahre 1845 veröffentlichte Dr. Adam Martinet im 8. Bericht des Historischen Vereins Bamberg seine "Innere Geschichte des Dorfes Gaustadt. Ein Beitrag zur deutschen Rechts und Sittengeschichte". Diese Arbeit mag für die damalige Zeit eine achtbare Leistung bedeutet haben als ein Versuch, eine weder durch ihre Größe oder wirtschaftliche Bedeutung noch durch seine Lage, einen Adelssitz, auch nicht durch ungewöhnliche Schicksale gekennzeichnete Ortschaft zu untersuchen. Einseitigkeit und Mängel dieser Arbeit beruhen füglich mehr auf dem Stande des Wissens und Könnens der damaligen Zeit als auf dem Plan und Wollen des Verfassers, wenn auch kaum einzusehen ist, was er unter einer äußeren Geschichte des Dorfes begreifen mochte. Wohl zog Martinet eine beachtliclie Reihe von geschichtlichen Quellen heran, darunter die heute leider unauffindbaren und unersetzliclien Gemeinderechnungen Gaustadts, doch gesteht er naiv aufrichtig, daß "die Menge der Formalitäten, die er durchzumachen fürchtete, ihn hinderte, die Schätze des k. Archivs hier zu benutzen".Im Gaustadter Pfarrarchiv liegt eine Handschrift "Geschichte von Gaustadt" in Heftform mit 290 halbbrüchig beschriebenen Seiten. An Hand der Protokolle des Historischen Vereins Bamberg, dessen Mitgründer ja Martinet war, konnte durch Schriftvergleichung auch diese Geschichte von Gaustadt als Werk Martinets festgestellt werden. Sie unterscheidet sich wesentlich, nicht nach dem Inhalt, wohl aber in der Anordnung des Stoffes von der gedruckten Geschichte. Die Handschrift beginnt mit der Entstehung des Herzogtums Franken, im zweiten Kapitel folgt die Stiftung des Bistums Bamberg und geht im dritten zur Gründung des Klosters Michelsberg über. Auf Seite 88 beginnt dann die Geschichte Gaustadts von 1136 bis zur Säkularisation des Klosters. Der Text, geordnet nach den Abten, wird durch zahlreiche Nachträge auf den freigebliebenen halben Seiten erweitert. Diese bringen neben sachlichen Ergänzungen besonders die Auszüge aus den Gemeinderechnungen Gaustadts. Die Handschrift zeigt mehr als der Druck das ausgedehnte Wissen Martinets; er erörtert geologische, geographische, namenkundliche und geschichtliche Fragen mit großer Sachkenntnis. Schade, dass Martinet sein Werk wohl wegen seines Umfanges für die Herausgabe durch den Historischen Verein kürzen und den Stoff zusammendrängen mußte. Natürlich fehlt auch in der Handschrift die Benützung der Quellen des damaligen Kreisarchivs.

Das wird in dieser Arbeit nachgeholt, und vorzüglich in diesem Sinne möge man das Folgende als "Ergänzung" auffassen. An dieser Stelle soll auch das Fehlen der Jassion von 1808/11 der Gemeinde Gaustadt festgestellt werden, ein weiterer schwerer Verlust, für den immerhin der "Häuser und Rustikal Steuer Kataster" einen, wenn auch nicht gleichwertigen Ersatz bildet.

Die neuen Quellen verlangten eine völlig andere Fragestellung, namentlich was die Entwicklung des Dorfes anlangt; sie ermöglichten auch eine eingehendere und z. T. berichtigte Darstellung der Lehensverhältnisse in Gaustadt.Die Berechtigung, ja Notwendigkeit einer neuen geschichtlichen Behandlung des einstigen Dorfes und der nunmehrigen Marktgemeinde Gaustadt ist damit wohl gegeben.