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Flur, Weide und Wald

Die Flur eines Dorfes hängt wesentlich von der jeweiligen Gestaltung der Landschaft, der Beschaffenheit des Bodens und der geschichtlichen Entwicklung der Siedlung selbst ab. Siedlungsform und Flurbild gehören eng zusammen.

Die Keimzelle Gaustadts war der Hof Erchambrechts. Er umfaßte die ganze damalige Feldflur. Als aber später das Kloster freiwillig oder notgedrungen für fremde Arbeitskräfte Siedlerstellen neben dem Gutshof anlegte, stattete man diese mit einem mehr oder weniger großen Flurteil aus. Durch weitere Hofgründungen, deren Zeit aber bis auf wenige späte Beispiele vor unserer geschichtlichen Überlieferung liegt, wurde die Flur immer mehr zerrissen. So entstand allmählich das heutige Flurbild mit seiner ganz unregelmäßigen Aufgliederung in viele einzelne Stücke, eben eine sog. Block- oder Streifenflur in Gemenglage. Allem Anschein nach war dieser Vorgang im großen um 1400 schon abgeschlossen; denn von Ackerteilungen hört man später kaum etwas. Zeugen dieser Entwicklung bildeten die in allen Flurteilen liegenden meist umfangreicheren Besitzungen der beiden Klosterhöfe.

Falls je einmal die Dreifelderwirtschaft mit Sommer- und Winterfrucht und Brache, die wir heute übrigens als eine späte Wirtschaftsform betrachten, wirklich in Übung war, heute ist jedenfalls im Flurbild keine Spur mehr zu entdecken, in den Quellen findet man auch keinerlei Andeutungen. Die geschichtliche Entwicklung konnte zwar die Teilung des Gutes in den Abts- und Kellereihof und deren Übergang vom Eigenbau durch Klosterleute über Halbbau und Verpachtung bis zum Erbzinslehen aufzeigen, doch erfahren wir nichts von Zuweisung und Teilung der Flur an die entstehenden Selden.

Die jüngste Zeit ist grausam mit der Gaustadter Flur umgegangen. Hatte sie nicht schon die Anlage der Spinnerei und des Werkkanals verkleinert und benachteiligt, so verändert der Großschiffahrtsweg in unseren Tagen noch mehr nicht nur das Bild der Landschaft durch Verlegung oder Zuschüttung eines Teils des Regnitzlaufs, sondern verschlingt auch wiederum wertvolles Nutzland. In entgegengesetzter Richtung nehmen westlich des Ortes die Neubauten ebenfalls alten Kulturboden hinweg. Gaustadt dehnt sich bereits über die alte Ziegelhütte hinaus und zog den Silvanasee in seinen Wohnbereich.

Die heutige Flur ähnelt ungefähr einem schrägliegenden Rechteck von drei Kilometer und 1,5 Kilometer Seitenlänge. Bekanntlich sind die heutigen Gemeindegrenzen unserer Dörfer im allgemeinen nicht alt, wie ja auch die Gemeinden: als politische Gebilde erst bayerischen Ursprungs sind. Zwar haben wir gelegentlich Nachrichten über Gaustadter Gemeindegrenzen; so vermarkte man 1723 sie gegen Bischberg; „wo die Cent Hohen-Eich anhebt, da scheiden sich die Fluren“ (1). Das war am Rüdelbach zwischen Gaustadt und Bischberg. Die Südgrenze bildet heute der Rand des Michelsberger Waldes mit Ausnahme von 3,8 ha Wald, die sich allein noch in Gaustadter Privatbesitz befinden.

In der Regnitzniederung sprang die Grenze nördlich des Zusammenflusses von Werkkanal und Fluß. Dort stießen die Gemeinden Gaustadt, Bischberg, Oberhaid, Dörfleins und Hallstadt fast zusammen. Hier in der Flussaue mögen diese Grenzen immer etwas unsicher gewesen oder wenigstens gelegentlich geworden sein. Die vielen, jedenfalls mehr als geschichtlich erwähnten Überschwemmungen und die daraus entstandenen Veränderungen des Flussbettes verursachten mannigfache Streitigkeiten, ja Prozesse, besonders wegen des dort gelegenen Biegenhofes. Der längste und auch jüngste Rechtsstreit war der beim Reichshofrat angestrengte der Zimmermann’schen Erben da „er neue vom Fluß durch seinen im Jahre 1714 genommenen alten Lauf verlassene alveus“ (Flussbett) Grundstücke auf die andere Flussseite verschoben hatte(2). Die Gemeinde Gaustadt blieb im übrigen Sieger im Prozess.

Hier also mag die Flurgrenze immer unsicher gewesen sein. Hier aber lagen auch die Weideplätze der oben genannten Gemeinden wie der Untere, Obere Heganger im Hallstadter, der Laubanger im Bamberger Flur. Auf der anderen, der linken Seite bildeten die „Heeg“, auf der Karte missverstanden „Auf der Höhe“, der Ochsen- und der Hochanger bis vor kurzem die sog. Spinnerei-Insel.

Diese Heeg ist zu eigentlich unverdienten geschichtlichen Ehren gekommen. Über sie haben wir zwei sich widersprechende Landgerichtsurteile. Im ersten vom 3. Dezember 1460 erfahren wir: Die Vertreter der Gemeinde Gaustadt klagen gegen die .Bamberger Metzler. Sie bringen sechs Zeugen bei, die auf ihren Eid aussagen, dass, wenn die Bamberger ihre Schafe oder ihr Vieh in die Gaustadter Flur getrieben hätten, die Gaustadter das fremde Vieh „umgeschlagen“ d. h. gepfändet und diese Pfand vertrunken hätten. Das war nach den sicherlich lärmenden Auftritten bei der Pfändung der entschädigende, befriedigende Abschluss. Auf Grund des Eides ihrer Zeugen erlangten die klagenden Gaustadter ein obsiegendes Urteil vom Landrichter Albrecht von Giech (3).

Zunächst mussten sich die Bamberger Metzger dem Urteil fügen. Schließlich reichten sie ihre Gegenklage beim Landgericht ein. Am 15. Sept. 1468 – also nach acht Jahren – erging wieder ein Urteil. Die Metzger hatten 24 Zeugen aufgeboten und damit die Gaustadter weit übertrumpft. Diese alle sagen nun aus, dass sie in ihrer Jugend das Vieh, Kühe und Schafe, ihrer Eltern und Herrschaften auf die Hege bei Gaustadt, die die Gaustadter für ihr Eigen eingezogen haben, getrieben, gehütet und geweidet hatten. Sie hätten auch mit dem Vieh durch das Dorf Gaustadt und wiederher zu dem Weidenbrunn, in den Rudelbach und zu der Bilbitzen-Eichen getrieben und daselbst gehütet oder hüten lassen, daran sie niemand gewehrt. Sie sagen auch alle einmütig, dass sie und andere von Bamberg, das Kloster Michelsberg und die von Gaustadt und andere Gemeinden daselbst herum ihrem Vieh zu Nutze allerwegen die oben genannte Hege im gemeinsamen Gebrauche gehabt hätten und dass sie auch alle nicht anders wissen noch vernommen hätten, als dass dieselbe Gemein, die Hege genannt, ihnen und allermänniglich eine rechte Landsgemeine sei (4).

Bei diesen Urteilen muss man zunächst zweierlei beachten: Es geht nicht nur um das Hutrecht erstens auf der Hege, sondern zweitens auf der ganzen Flur der Gaustadter. Das Urteil von 1460 spricht ganz allgemein von letzterer. Das Berufungsurteil von 1468 aber unterscheidet zwischen Hege und Flur. Beides steht den Bamberger Metzgern zur Weide offen. Für die Hege aber kommt noch etwas Besonderes hinzu: Sie sei ihnen, den Bambergern, aber auch „allermänniglich eine rechte Landsgemeinde“ d. h. sie stehe allen und jeden, Einheimischen und Fremden offen. Das wird auch 1542 anlässlich der Auseinandersetzung innerhalb der Gemeinde wegen eben dieses Hutrechtes bekräftigt. Eine Zeugin erklärte, ihr sei kund, dass auch durchziehende Bauern und Händler ihr Vieh auf die Heg hätten treiben und dort hüten dürfen. Dem wird von der Gemeinde nicht widersprochen. Die Weidegerechtigkeit auf der Hege stand also keinesfalls nur den Bamberger Metzgern und den benachbarten Gemeinden zu. Anders verhält es sich mit den Hutängern zu Gaustadt; dorthin, zum Weidenbrunnen am Rüdelbach und zur Bilwitzer-Eichen dürfen nur die Bamberger treiben (5).

Die unverdiente Ehre, die der Heg widerfuhr, von der oben gesprochen wurde, verdankt sie E. von Guttenberg. In seiner „Territorienbildung am Obermain“ sucht er nach Zeugnissen für die „Fortdauer einer vorfränkisch-germanischen, wahrscheinlich thüringischen Bevölkerung“. Dafür sprächen „die vielfach im späteren Mittelalter noch nachweisbaren Gemeinwälder mehrerer Ortschaften mit ihrem altertümlichen Namen Landsgemein“ (6). In einer .Anmerkung sagt er: „Gemeinsame Hutrechte besitzen die Bürger ‚am Sande’ zu Bamberg, Dorf Gaustadt und das Kloster Michelsberg“. Wir wissen aber, dass „allermänniglich“ hüten durfte. Damit wird überhaupt der Begriff „Landsgemeinde“ im engeren Sinn E. v. Guttenbergs hinfällig; die heutige Forschung vertritt eine andere Meinung über das Alter dieser Landsgemeinden als E. v. Guttenberg. W. Schlesinger, ein maßgebender Forscher in Dorf- und Flurkunde, schreibt: „Die Landsgemeinde (Nutzungsgenossenschaft mehrerer Dörfer am Waldland) sind späte Bildungen zur Regelung der Nutzung des in der Frühzeit nicht abgemarkten Gebietes“(7) . Die frühmittelalterlichen Waldgebiete waren eben so ausgedehnt und unübersichtlich, dass eine Vermarkung untunlich oder unmöglich erschien. Auf der Heeg zu Gaustadt stand aber nie Wald, wenigstens nicht in geschichtlicher Zeit. Schlesinger wie v. Guttenberg aber kennen nur im Waldland eine Landsgemeinde. Die Ursache Zur Bildung dieser ungewöhnlichen, weil allgemein zugänglichen und waldlosen Landsgemeinde in Gaustadt liegt wohl darin, dass man wegen der sich immer wiederholenden Überschwemmungen eine Vermarkung in der Frühzeit unterließ oder eine solche als wertlos erkannte.

Ist schon die Heeg als Weide und Landsgemeinde auffällig, so muss nicht minder der Namen selbst verwundern. Heg(e) bedeutet mhd. soviel wie Hecke, Zaun. Eine Heeg umschloß vor alters das Dorf; sie mag eine lebende Hecke, ein geflochtener Zaun oder besser vielleicht beides gewesen sein. Die Gaustadter hatten nun rechts der Regnitz ungefähr acht Tagwerk „Beete, Weiden, Werde (= Wöhrt, nasses Land) gehecht (gehegt) und in der Mitte abgeteilt, mit einem Graben entschieden“ (= abgeschieden, abgetrennt) (8) . So heißt es 1656. Das kann man doch nur so auffassen, dass dieser Gemeindebesitz mit einer „Heg“ umzäunt war. So muss es auch auf der anderen Seite des Flusses gewesen sein; man trieb das Vieh in die Umzäunung, in die „Heeg“. Davon: erhielt dies Wort dann die ortsübliche Bedeutung von Weide, Anger.

Ob nun die zunehmende Bevölkerung dazu zwang, oder das Bestreben, die Heeg für die fremden Benützer mehr und mehr einzuschränken, jedenfalls erklärte bei heftigen Auseinandersetzungen in der Gemeinde eben wegen der Heeg 1541 die Kungund Riglin, der Ort, die Heeg genannt, sei einst vor 30 bis 40 Jahren viel größer gewesen, die von Gaustadt täten mit Umackern und Vergraben dem Hüten Abbruch (9). 1684 wird ausdrücklich im Zusammenhang mit dem Weiderecht auf die Wiesen und Felder gegen die Schöne Marter (beim heutigen Zollhaus) hingewiesen, die am Ende der Heeg liegen (10).

Die eigentlichen Felder, das Ackerland, die Weinberge und Hopfengärten Gaustadts lagen südwestlich des Dorfes, zwischen diesem und dem Wald. Nach Nordwesten grenzte die Dorfmark an die Gemeinde Bischberg, hier war eine Ausdehnung also nicht möglich. Die Gaustadter Flur gewann ihre heutige Ausdehnung durch die – es ist nicht anders zu nennen – rücksichtslose Vernichtung des Waldes. Heute umfasst der Waldanteil, ganz im Privatbesitz, in fünf Gr.Nr. (167, 221, 225, 226; 226 ½) im ganzen nur noch 3,8 Hektar, mit einer Ausnahme im äußersten südwestlichen Winkel der Flur. Demgegenüber besaß früher allein die Gemeinde einen größeren Waldbestand, der in 22 ¼ Lauben aufgeteilt war (11). Diese wurden zu gegebener Zeit „ausgelaubt“ d. h. verlost. So war 1540 dem Josef Kerslein die 11. Laube zugefallen; ihn bezichtigte Heinz Kraus, seinen Teil genommen zu haben. Ein Zeuge aber sah ihn, den Kerslein, in der 11. Laub hauen (12). Daneben gehörten z. B. in den Kellereihof 10 Acker und in den Abtshof drei Acker Holz (13). Den Wald maß man damals in Acker wie das Feld nach Morgen oder die Wiesen nach Tagwerk. Die Lauben waren übrigens nicht gleichmäßig verteilt, so gehörte z. B. in das sog. Jakobsgut (Gr. Nr. 9) 2 ½ Laub Holz, die schon 1470 darin vergeiselt d. h. zum Hof geschlagen waren und darum mit 2 ½ Pfund verzinst werden mussten (14).

Der Wald war ursprünglich so nahe beim Dorf, dass man bei der Lagebeschreibung von Häusern z. B. bei Gr. Nr. 5 (Martinetstraße 4) oder Gr. Nr. 12 und 14 (Bachstraße 9 und 12) „gen dem Holze“ gebraucht statt gen den Westen (15). Wie nahe er am Dorf lag, erkennt man aus der Beschreibung eines Guts von 1580, das gegen Westen auf die Ziegelhütten, gegen Süden und Norden an des Klosters Holz stößt. Bis zur jetzigen Alten Ziegelhütte am Silvanasee rund 600 m oder 6 Gehminuten entfernt, reichte damals der Wald (16).

Das bezeugen auch die Flurnamen. Unmittelbar westlich an die Ziegelhütte grenzt der Flurteil Jungkreut d. h. junge Rodung (junges Gereut). Das setzt ein altes Gereut voraus, das nur südlich in den Ziegelhüttenfeldern und östlich anschließend gesucht werden kann. Dies Jungkreut weist eine auffallende gegen die Ziegelhütte gerichtete Streifenflur auf, die ganz von der alten Flur absticht. Nach Westen folgen zunächst das Steinigt und das Vordere Bauernholz, das zu erwartende Hintere Bauernholz heißt heute „In der Mundschenk“; Johann Lieb, Hofmundschenk besaß um 1710 Gr. Nr. 33 (17).

Nördlich der Straße Gaustadt - Ziegelhütte - Rothöflein dehnt sich der dreieckige Kühanger mit dem im Rödelbachtal gelegenen Kühsee aus. Seine westliche Fortsetzung bildet der schon erwähnte Weidenbrunnen und schließlich dicht vor dem Rothöflein das Bärenloch (= Bärenwald). Jenseits des Rödelbachs gegen die Bischberger Flur liegen die Teile „Am Weipelsdorfer Weg“, das „Tännig“ und die „Koppenäcker“. Allen diesen Flurstücken eigen ist eine Weiträumigkeit, wenn sie auch wieder stark in einzelne Stücke aufgeteilt sind.

Diese Flurnamen lassen folgende Schlussfolgerungen zu: Einst reichte der Michelsberger Wald bis an den Weg Gaustadt - Rothöflein heran, schmale Streifen längs des Weges ausgenommen. Der Wald setzte sich jenseits der Straße im Bärenloch bis zum für sich selbst sprechenden Tännig fort. Diese Waldstücke umgeben in einem Halbkreis die Weideplätze, den Kühanger, den Weidenbrunnen, und wenn man unter Koppe das Fohlen für unsere Heimat annehmen darf (vgl. Koppenhof in Bamberg), dann bildeten die Koppenäcker das Gegenstück zum Kühanger, das Gestüt, auf dem die Gaustadter ihre Pferde zogen.

All das bis auf die erwähnten 3,8 ha Wald wird heutzutage als Acker oder Wiese genutzt. Wann und vor allem warum ging diese das Aussehen der Landschaft völlig verändernde Umgestaltung vor sich? Die Nachrichten darüber stammen alle aus sehr später Zeit. Die Dorfordnung von 1583 sagt im sechsten Artikel, dass, wenn einer im Gemeindewald Holz abhiebe, er 60 Pfennige zu bezahlen und das gefrevelte Holz vergüten müsse (18). Im übrigen stand es der Gemeinde nicht frei, über ihren Waldbestand nach eigenem Ermessen zu verfügen. Im Jahre 1781 hatte man vor, im Bärenloch Holz zu schlagen. Die Gemeinde richtete eine Eingabe an die Klosterverwaltung mit der diesbezüglichen Bitte. Darauf folgte die Genehmigung zum Schlagen und Verkauf des Holzes mit dem Bemerken allerdings, dass forst- und waldordnungsmäßig abgeholzt und hernach der ganze Platz zu einem neuen Anflug hergerichtet werden müsse. Bei der Versteigerung wurden 51 Holländer Bäume aufgeboten mit der Auflage, dass der ganze Abfall nebst den Stöcken liegen und die „Heege-Ratteln“, wohl die Einfriedung, stehen bleiben müssten. Merkwürdigerweise bietet die Gemeinde bei der Versteigerung mit und hält jedes Gebot, zuletzt 1000 Gulden für das gesamte Holz mit Abfall und Stöcken. Anlässlich des bei oder nach dem Verkauf dieses geschlagenen Holzes „gehabten Gemeinde-Trunks“ machten die Gaustadter bei dem spitälischen Wirt Joh. Leicht und dem Michelsberger Wirt Paul Schrenker zusammen eine Zeche von 82 Gulden und 10 Kreuzern. Eine beachtliche Leistung als Entschädigung für die von der Fällung bis zum Verkauf geleisteten Frondienste! (19)

Während man im Bärenloch nördlich der Straße noch 1781 für die Erhaltung des Waldes Sorge trug, wenn auch die Neubesamung oder Bestockung der Natur überlassen wurde, so war auffallender Weise im Bauernholz schon lange vorher gerodet worden. Die Flurkarte lässt uns noch heute die einzelnen Abschnitte erkennen. Zuerst schlug man den lang gestreckten Streifen, im Osten beginnend mit dem Steinigt. Dieser Streifen zieht sich um die Höhe bei Punkt 297 herum, hält sich also in der Ebene. Dann musste der Wald auf der Höhe daran glauben; dieser Abschnitt bildet das ovale Zweieck in der Mitte. Schließlich fiel der Rest des Bauernholzes und der Mundschenk bis auf ein kümmerliches Überbleibsel. So schön man auf der Karte diese drei Rodungsgebiete ablesen kann, so kärglich sind die darüber erhaltenen Nachrichten. Wir erfahren nur aus zufälligen Angaben z. B. aus dem Jahre 1724, „dass die Teilhaber des dortmalen ausgereuteten sog. Bauernholzes zu Gaustadt als eines dem Kloster gehörigen Fundi (Grundstücks) den jährlichen Canonem (Zins) verabreichen müssten (20). Dieses Jahr 1724 könnte der erste Rodungsabschnitt sein, denn etwas später lesen wir, dass ,,1729 eine ausgereutete Laub vom Bauernholz“  zum Kellereihof geschlagen wurde und ähnlich von dem zum Abtshof,,1729 gezogenen gereuteten Bauernholz“. Das Michelsberger Zinsbuch vermerkt die Vergrößerung des Grundbesitzes dieser Höfe, fügt aber ausdrücklich hinzu „ohne Mehrung des Erbzinses“; selbstverständlich, denn der Neuerwerb kam ja aus verteiltem Gemeindeland.

Mit dem Bärenloch und dem Bauernholz war aber der Waldbesitz Gaustadts nicht erschöpft. Es mag zunächst verwunderlich erscheinen, wenn 1761 der „Bilfertsanger“ mit ,,23 Tagwerk Anger teils mit Kiefern bewachsen“ (23)bezeichnet wird. Er lag sicher, im Südwesten der Gaustadter Flur und scheint ein Teil des Weidenbrunnens gewesen zu sein, denn bei der Lagebeschreibung eines Ackers heißt es, er grenze im Osten an den gemeinen Kühtrieb (doch wohl der Kühanger) und im Süden an den gemeinen Bilfertsanger (24). Gemein heißt hier wie sonst immer der Gemeinde gehörig. Diese Anger oder wahrscheinlich einzelne Teile von ihnen trugen überhaupt verschiedene Namen. So kommt der Weidenbrunn auch als Hirtenwiese vor. Und wenn, wie wir gleich hören werden, auch der Kühanger mit Bäumen bestanden war, dann erinnern wir uns auch, dass früher der Wald als Viehweide genutzt wurde. Dessen Bestand und Aussehen glich selbstverständlich nicht unseren forstwirtschaftlich gepflegten Wäldern. Diese Waldweiden müssen sehr lichte Wälder gewesen sein, damit sich ein Bodenbewuchs mit Gräsern, Beerensträuchern und Büschen bilden konnte, die nicht nur den Schweinen sondern auch dem Großvieh die notwendige Bewegungsfreiheit boten.

Im Jahre 1801 zeigten Schultheiß und Dorfmeister von Gaustadt an, dass durch die unausgesetzte Erpressung der im Lande befindlichen französischen Truppen, wogegen keine Hilfe gestattet sei, die Gemeinde keinerlei Zahlungsmittel und nach abgehörter Gemeinderechnung „kein AktivRezeß“ (Überschuss) vorhanden sei, um die täglichen französischen Kleider- und Magazins-Requisitions-Lieferungen befriedigen zu können, wo ohnehin schon dermalen die Einwohner fast von allem Geld entblößt seien. Daher schlugen sie vor, sie wollten das Tannenholz, das auf dem Gemeinde-Kühanger stehe, abschlagen und versteigern lassen. Sie begründeten ihren Plan mit folgenden Erwägungen: 1. könne man von diesem Holz 600 Gulden lösen, 2. sei dieses Holz vor 56 Jahren geschlagen worden (1745), 3. werde es ohnehin von Holzfrevlern beschädigt, 4. es entstehe kein Nachteil für die Lehensherrschaft, weil zum ferneren Anflug die nötigen Heeg-Bäume belassen würden. Die Klosterverwaltung forderte ein Gutachten des Jägers Seb. Rascher zu St. Getreu an. Das scheint günstig für die Gemeinde ausgefallen zu sein; denn am 14. März 1801 wurde die Holzfällung unter folgenden Bedingungen gestattet: 1. seien zum wenigsten 20 Bäume zu Heegreise zu belassen, welche der abteiliche Revierjäger selbst anpletzen (anzeigen) wird, 2. muß der Platz mit einem Graben umfangen und der darin befindliche öde Platz gehackt, dann mit etwas kienföhrenem Samen zur Erzielung des ferneren Anflugs besät werden, 3. der Verkauf müsse im Nachrichtenblatt und in der Gemeinde Gaustadt angezeigt werden. Die Versteigerung des „kühnfornen Holzes am sog. Kühanger anstoßend“ ergab in vier Losen zusammen 738 Gulden 30 Kreuzer. Käufer waren die Gaustadter Joh. Leicht (Abtshof), David Leicht (Gr. Nr. 35), Joh. StierleIn (Gr. Nr. 34), Joh. Ziegler (Gr. Nr. 21) (25).

Ein roher Überschlag aller Rodungen im Südwesten Gaustadts ergibt ungefähr eine Fläche von 270 Tagwerk, um die sich die Flur Gaustadt vergrößerte. Dieser Gewinn wurde freilich mit dem Verlust der gesamten Gemeindewälder erkauft; nur deren Namen blieben erhalten.

Unter den obengenannten Flurnamen verdienen einige besondere Beachtung. 1468 behaupteten bekanntlich die Bamberger Metzger, ihr Vieh bis zur „Bilwitzer Eichen“ treiben zu dürfen. Später findet sich der Name etwas abgeschliffen im „Bilfertsanger“. Er erinnert ohne weiteres an den „Bilwis“-Schneider, den Unhold, der nach dem Volksglauben einen Teil der Saaten vernichtet, indem er fußbreite Streifen hineinschneidet. Man erklärt sie heute als Wirkung der Hasen, die sich so Wege in das Getreide schaffen.

In der Nähe dieses Angers lag die nicht minder auffallende „Kalte Elz“, ein Gemeindefeld. R. Buck bringt in seinem „Oberdeutschen Flurnamenbuch“ (1931) einen Beleg „beim kalten Baum“, so dass man an den Elzbeerbaum (Prunus padus, Stinkweide) denken könnte. Westlich Gaustadt finden sich zwei oft gemeinsam auftretende Flurnamen, der Steinberg, ganz auf Gaustadter Gebiet gelegen, und das Himmelreich, schon 1492 genannt, von der Flurgrenze Gaustadt - Bischberg durchschnitten.25a Getrennt werden die beiden durch das Tälchen des Rödelbaches. Dessen Namen findet sich in alter Zeit als Rudelbach, sicherlich Rüdelbach gesprochen, mit dem bei uns vorkommenden Wechsel von ö und ü. Darum wird sich aus dem Namen keine Beziehung zum Wort „rot“ herauslesen lassen. „Rot ist die Farbe des Hochgerichts“. 2 km nördlich von Gaustadt wurde am Rotbach (= Roppach) bei Hallstadt das Hochgericht abgehalten, bevor es nach Bamberg verlegt wurde. Es wäre natürlich abwegig, an ein links der Regnitz gelegenes Gegenstück dieses Gerichts zu denken.

Im Zusammenhang mit dem Namen Hummelgau – bis 1933 wohnte ich noch in Bayreuth – wies ich seinerzeit auf Beziehungen zu einer Gerichtsstätte einer Hundertschaft hin. Zwar hat die Hundertschaft in der Forschung keine Gnade gefunden, aber man hat es als mein „bleibendes Verdienst bezeichnet, die Ableitung des Namens Hummelgau in den alten Gerichtsverhältnissen gesucht zu haben. So kehre ich zu diesen, wenn auch etwas veränderten Anschauungen meiner heimatkundlichen Jugend zurück und sehe in den Namen Himmelreich und Steinberg ebenfalls Hinweise auf eine alte Gerichtsstätte. W. Müller erklärt den Namen des Forsthauses Altenhimmel (rd. 11 km sw. von Bayreuth) zwanglos mit dem „Heymal“: dort habe das alte Heymal, ein „dorfgenossenschaftliches Niedergericht, also ohne Blutbann“ getagt (28). Könnte man nicht annehmen, dass hier an der heutigen Grenze der beiden Dörfer für diese, vielleicht auch noch für andere Orte Recht gesprochen wurde? Wenn nun neben dem Himmelreich oft auch der „Stein“ in irgendeiner Zusammensetzung, wie hier in Steinberg, vorkommt, so kann man an den Gerichtsstein denken, wie er sich z. B. in Medlitz noch erhalten hat. Erinnern wir uns wieder an Erchanbrecht; er hatte in Gaustadt und Bischberg seine Besitzungen; könnte nicht in der Mitte zwischen bei den sein grundherrliches Gericht getagt haben?

Nicht weniger zu Überlegungen zwingend ist der Flurname „Elbischer Sand“. Er findet sich heute nicht mehr in der Flur, wenigstens nicht mehr in dieser Form. Er hat wegen seiner wahrscheinlich „mythischen Herkunft“ zu weitreichenden, im wörtlichen Sinn, Annahmen geführt. P. Schneider brachte ihn mit den „Jungfernwiesen“ und dem ,,Jungfernfeld“ zusammen, die gegenüber dem Fischerhof auf der anderen Seite der Straße lagen, heute von der Spinnerei überbaut. Er sah im „Elbischen Sand“ die Fortsetzung des „Sandes“ in Bamberg, ja er fand im „Oberen Sand“ auf der Höhe das gefällige Gegenstück dazu. Und zuletzt: „Auf dem Elbischen Sand, heute vorwiegend Spinnereigelände, scheint die Kultstätte eines wendischen Volkssplitters gestanden zu sein“! (29) Dazu verführten die nun wirklich in dieser Gegend, im Werkkanal, gefundenen drei „Götzen“.

Das alles sind schöne Einfälle P. Schneiders, leider aber Trugbilder. Denn dieser Elbische Sand lag nicht in der Ebene, nicht dort, wo heute die Spinnerei steht; dieser gegenüber auf der anderen Flussseite liegt zwar auch die „Elmer Spitzen“, die aber auch nichts mit dem Elbischen Sand zu tun hat.

Wo liegt denn nun dieser Elbische Sand eigentlich? 1517 besitzt Peter Mertz einen Acker „vff Elbischen Sant am Amselgeschrey gelegen“ und ebenso heißt es 1519 wortwörtlich (30). Das Amselgeschrei hat sich heute zum Flurnamen „Amsel“ verkürzt und dehnt sich westlich des Weges vom Ottobrunnen über den Alten Berg nach Gaustadt bis zum Rande des Michelsberger Waldes aus. Man vergleiche dazu die Lage eines Ackers am Amselgeschrey, der gegen Osten an den Weg (das ist der eben beschriebene) und gegen Westen an des Klosters Holz stößt (31). Nach der Gemeindeordnung von 1583 dürfen die Bamberger nicht über die Marter bei dem Elbischen Sand hüten (32). H. Mayer erwähnt diese „auf dem elbischen. Sand“ oberhalb Gaustadt rokoko 1752 (33). Dazu: Am 20. Febr. 1685 erschien Barbara Plümblerin (Blümlein) in der Klosterkanzlei und erklärte, dass sie aus einem gewissen Gelübde versprochen, eine hölzerne Martersäule wiederum „auf dem Melbischen Sand, wo hievor auch eine gestanden“, setzen zu lassen (34).  Diese falsche Abtrennung (Melbisch) findet sich schon 1516 (35). Zum Namen ist zu sagen: Elbisch kann wegen der Lage auf der Höhe nicht auf mhd. elbiß = Schwan (36)zurückgehen , sondern hängt wohl mit den Elben, den Kobolden zusammen; der Name würde dann soviel besagen wie Sandgegend, wo es nicht geheuer ist, wo es umgeht.

Zwar weist die Karte noch einige sonderbare Flurnamen auf wie „Hinter Tnodt“, „Alt Tnodt“ und „Kalten“. Doch stellen das nur Verballhornungen ähnlich wie „Auf der Höhe“ aus „Auf der Heege“ dar. Tnodt entspricht einem alten Knock und die Kalten entstand aus Kaltern, der Kelter.

In der Gemeindeflur von Gaustadt lagen auch noch einige Teiche, Seen genannt, in denen eine anscheinend ergiebige Fischzucht betrieben wurde. Erhalten haben sich davon oder besser namentlich feststellen können wir den sog. Silvanasee bei der alten Ziegelhütte, heute schon inmitten der neuen Siedlung, und einige kleinere Weiher in der Mulde des Rödelbaches. Genannt werden noch andere, z. B. das Weiherlein, Mittelsee genannt, und das Klosterweiherlein ober Gaustadt gelegen, ohne dass wir ihre Lage kennen (37).

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[1] Arch. Hist. Ver. Nr. 291, 106

[2] B 110, 200

[3] Martinet, 13/14

[4] Ebenda 14

[5] B 110, 361, 73b

[6] Territorienbuch S. 22 f

[7] Deutsche Literaturzeitung, 1959, Heft 7/8

[8] B 110, 113, 80a

[9] B 110, 361, 105b

[10] B 110, 131, 84a
[11] B 110, 373, 66a
[12] B 110, 360, 439a
[13] St. B. 4315, 142b, 182a
[14] St. B. 4306, 79a
[15] St. B. 4313, 135b, 137b, 138a
[16] St. B. 4319, 199b
[17] St. B. 4319, 196a
[18] Martinet S. 108
[19] B 110, 130, 7b, 37a, Lit. B.
[20] B 110, 375, 100f
[21] St. B. 4319, 181a
[22] St. B. 4319, 182a
[23] St. B. 4309/7, 104a
[24] St. B. 4309/7, 72b
[25] B 110, 253, 72b, 86n, 99a, 121b

[25a] B.110, 354, 52a

[26] W. Müller, Der Hummelgau, Arch. Gesch. Obfr. 36, 1, 113 (1952)

[27] K. Arneth, Der Hummelgau, Bayreuther Land, 10, Nr. 2, 17ff

[28] W. Müller, a. a. O. S. 116

[29] P. Schneider, Der Steigerwald, S. 371. Ein warnendes Beispiel für „naheliegende“ Kombinationen!

[30] St. B. 4249, 126a, 167b
[31] St. B. 4250, 237a, um 1530
[32] Martinet, S. 109

[33] Kunst des Bamberger Umlands, S. 83

[34] B 110, 132

[35] B 110, 358, 24b

[36] P. Schneider, a. a. O. 371

[37] Martinet, S. 13.